Die Lausitz – Eine kulturelle Bildungslandschaft
Die Lausitz – Eine kulturelle Bildungslandschaft

2. Fachtag „Die Lausitz – eine kulturelle Bildungslandschaft“ in Spremberg 2025

 

 

Die Lausitz gilt nicht nur durch den bevorstehenden Braunkohleausstieg als eine der spannendsten Regionen Deutschlands. Durch die Nähe zu den Nachbarländern Polen und Tschechien, das einzigartige Erbe der Sorben und Wenden und das konsequente Engagement einer Vielzahl an Kultureinrichtungen, -Initiativen und -Akteuren hat sie sich zu einer besonderen kulturellen Bildungslandschaft entwickelt, deren Vielfalt großes Potenzial bietet.

Jährlich bietet der Austausch an Fachtagen eine Gelegenheit, sich über die kulturelle Vielfalt in der Lausitz auszutauschen, regionale Strukturen weiterzuentwickeln, Perspektiven für Nachwuchsförderung zu schaffen.

Im Rahmen des 2. länderübergreifenden Fachtages „Die Lausitz – eine kulturelle Bildungslandschaft“ am 4. November 2025 standen folgende Diskussionsfragen im Zentrum:

Wie  greift kulturelle Bildung als Praxis der Demokratieförderung?
Welche Bedeutung spielt Beteiligung in Transformationsregionen?
Wie können regionale Bildungslandschaften Bildungsbarrieren abbauen?
Wie kann partizipative Kunst im Ehrenamt in ländlichen Räumen wirken?

Die Slam-Poetin Birdy dokumentierte den Fachtag künstlerisch mit einem Poetic Recording. Der Text fängt den Verlauf der Diskussionen, Inputs  und Gespräche auf ganz subjektive Art ein und macht für alle greifbar, um was es im Kern geht.

Die Lausitz ist das, was die Lausitz sein will

 

„Am Anfang war nicht die Demokratie, sondern Kunst und Kreativität.
Am Anfang war nicht die Demokratie, sondern der Wunsch nach einem Jugendclub.“
(frei zitiert nach David Adler)

 

Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich zum ersten Mal den Proberaum des
Judendclubs betrat, zum ersten Mal den leicht modrigen Geruch wahrnahm, zum ersten Mal
den verlebten Verstärker einschaltete und in das zerbeulte Mikrofon sang.
Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich ein paar Monate später mit meiner Band
zum ersten Mal vor Leuten stand, auf einem Festival des Jugendclubs, zum ersten Mal mit stolz
geschwellter Brust auf die Bühne trat, die ersten Gitarrentöne erklangen und … meine Stimme
brach.
Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich mir nach dem Auftritt schwor, nie wieder
eine Bühne zu betreten.
Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie der Leiter des Jugendclubs zu mir sagte:
„Natürlich trittst du wieder auf.“

Inzwischen bin ich freischaffende Künstlerin, Schreibpädagogin und Veranstalterin. In meiner
Arbeit setze ich mich für Nachwuchsförderung und feministische Werte ein. Ich würde
vielleicht nichts davon tun, hätte der Leiter dieses Jugendclubs mich damals nicht ermutigt,
weiterzumachen. Ich wäre nicht über die Musik zum Poetry Slam gekommen, vielleicht wäre
ich nicht mal politisch aktiv.

Heute bin ich beim Fachtag für kulturelle Bildung in der Lausitz eingeladen und höre mir die
klugen und inspirierenden Redebeiträge der Menschen an, die im ländlichen Raum kulturelle
Arbeit leisten.

David Adler erzählt uns von Jugendlichen, die für einen Jugendclub kämpfen. Eine Idee, die aus
einem generationsübergreifenden Filmprojekt entstand. Claudia Arndt berichtet von einem
Märchen-Wohnzimmer, das nicht über die Lausitz handelt, sondern aus der Lausitz heraus
entstand.

„Die Lausitz ist eine Region der Transformation“, sagt Sarah Zalfen, und dass die
Transformation längst da ist, aber die Menschen sie zu wenig wahrnehmen, zu wenig davon
mitbekommen, zu wenig davon profitieren. Da ist Frust. Da ist Überforderung und in der
Konsequenz erschreckende Wahlergebnisse.
Kulturelle Bildung muss den Strukturwandel begleiten.
Kulturelle Bildung muss den Strukturwandel gestalten.
„Strukturwandel, wir können es schon kaum noch hören“, spricht Katja Melzer vielen aus der
Seele. Wandel hier, Wandel da. Wandel, Wandel, manche Strecke, die zum Zwecke Bildung
fließe. Doch wohin?

„Stellen wir die richtigen Fragen? Und machen wir genug mit den Antworten?“, fragt Sarah
Zalfen zurück.
„Seit 35 Jahren hat hier niemand die Frage nach Beteiligung gestellt“, fügt David Adler hinzu.
Dann stellen wir sie doch heute. Wie kann Beteiligung aussehen?
„Dafür gibt es kein Rezept, wie bei einer Béchamelsauce“, sagt Claudia Arndt. Vielmehr muss
sie organisch wachsen. Wir müssen uns fragen: „Was ist hier und jetzt? Was war? Und wo
wollen wir hin?“ (ebd.)

Und vor allem dürfen wir die Menschen nicht erst beteiligen und dann all die Gedanken und
Ideen verpuffen lassen. Das macht müde und gefährdet Vertrauen in die Demokratie.
Wenn wir die Frage nach Gemeinschaft nicht stellen, dann machen es die Falschen.
Wenn wir die Frage nach Heimat nicht stellen, dann machen es die Falschen.
Wenn wir die Frage nach Identität nicht stellen, dann geben die Falschen Antwort.

Ist kulturelle Bildung die Antwort? Kulturelle Bildung – was ist das überhaupt?
Ist es Teilhabe und Beteiligung,
Zusammenschluss und Vereinigung?
Einander begegnen, Distanzen entfernen,
durch Kunst etwas Neues und über sich lernen?
Ausdruck verleihen und Ausdruck finden,
Ressourcen aufdecken und langfristig binden?

Ankommen, zurechtfinden, aushalten,
mit den Finanzen effizient haushalten?
Gemeinsam erinnern und gemeinsam lachen,
gemeinsam überdenken, gemeinsam erschaffen?

Kunst und Kultur öffnen Räume, in denen Hoffnung entsteht,
wenn Kunst sich nicht als Kuratorin, sondern Dirigentin versteht.
Kunst, die aus unserer Mitte erwächst, ist für alle Gewinn.
Vielleicht ist kulturelle Bildung nicht die Antwort, aber der Weg dahin.

Von Kamenz über Bautzen bis Zittau,
von Hoyerswerda nach Görlitz und Löbau,
von Workshop bis Werkstatt, von Festival bis Future Camp,
von Jugendtheater bis kreativem Vision Lab,
vom Straßenfest bis Ausstellung,
von Performancekunst bis Bürgerregion,
von Kulturfabrik bis Community Organizing
werden hier vor Ort die Menschen beteiligt.

Da, wo Ehrenamt und Hauptamt sich treffen,
da, wo sich Leute begegnen und sprechen,
da, wo Ideen fusionieren, entsteht Synergie.
Und wo daraus Kunst und Kultur wird, lebt die Demokratie.
Kulturelle Bildung in der Lausitz ist bewegt und nicht still,
denn die Lausitz ist das, was die Lausitz sein will.

Über Birdy

Portrait der Slam Poetin Birdy
Slam Poetin Birdy Foto: Ken Yamamoto

Birdy (sie/ihr) aus Berlin, ist Slam Poetin, Veranstalterin und Moderatorin. Als Sozialarbeiterin (B.A.) und Schreibpädagogin (M.A.) setzt sie sich mit viel Motivation für die Nachwuchsarbeit der Poetry Slam Szene ein und mit ihrem Veranstaltungskollektiv Kunst&Krawall engagiert sie sich für intersektionalen Feminismus auf und hinter der Bühne. Das ist auch in Birdys Texten spürbar. Ob Lyrik oder Prosa, ob lustig, nachdenklich oder politisch – Birdy präsentiert stets ihre ganz eigene Perspektive auf die Dinge und lässt Platz zwischen den Zeilen zum Mitdenken und Nachfühlen.