Digitalvilla am Hedy Lamarr Platz
Stick-Workshop „LYRIK-PFLEGE: DIE RÜCKSEITE DER ERINNERUNG“ in Potsdam
Im Rahmen des Projekts „Falling from the Shoulder of Giants: Cold Feet – Long Arms“.
Ein Projekt von der Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V.
Die Diktatur schreibt sich in Körper und Biografien ein. Doch ihre Spuren lassen sich nicht unmittelbar aus den Körpern herauslesen.
Am 17. November 2026 widmet sich der Stickworkshop „LYRIK-PFLEGE: DIE RÜCKSEITE DER ERINNERUNG“ mit Marie Kublik und Frida Teller ausgewählten Versen der Schriftstellerin Jutta Petzold.
Dabei durchdringt die Nadel das Gewebe historischer Stoffe und hinterlässt eine dauerhafte Spur – wird zur ambivalenten Praxis zwischen Verletzung und Fürsorge. Während auf der Vorderseite lesbare Schrift entsteht, bilden Fadenwege, Knoten und Vernähungen auf der Rückseite eine zweite Ordnung. Hier eröffnet sich ein Resonanzraum zur Glitch Art: Sichtbar werden die gewöhnlich verborgenen Bedingungen der Herstellung. Die Rückseite dokumentiert nicht Petzolds historische Verletzungen, sondern unsere heutige Annäherung an ihr Werk. Bewahrung bedeutet hier nicht Heilung, sondern die Anerkennung dessen, was sich vollständiger Rekonstruktion und Lesbarkeit entzieht.
Hintergrund
Jutta Petzold (1933–2020) gehört zu den lange übersehenen Stimmen einer nicht-kanonischen Widerstandskultur der DDR. Nach einem missglückten Fluchtversuch 1961 zählt sie zu den Vertreter:innen der sogenannten Dritten Literatur, deren Werke außerhalb der offiziellen literarischen Öffentlichkeit entstanden und erst spät erschlossen und gewürdigt wurden.
Die Veranstaltung ist Teil des Projekts NEUE VORFAHR:INNEN im Rahmen des zweijährigen Projekts FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS der Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V. Der Titel geht auf eine künstlerische Arbeit von Ian Keaveny zurück, der für das Projekt ein digitales Porträt Jutta Petzolds geschaffen hat. Das Gesicht erscheint darin nicht als geschlossenes Bild: Es vervielfacht und verschiebt sich, Oberflächen brechen ab, Fragmente überlagern einander. Die digitale Rekonstruktion wird selbst zum Bild einer prekären Überlieferung.
Für die Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V. (GFZK) ist die Veranstaltung Teil einer längerfristigen Auseinandersetzung mit komplexen Zensurregimen in Vergangenheit und Gegenwart. Eine bislang wenig bekannte biografische Spur führt dabei nach Potsdam: Jutta Petzold lebte 1949 für kurze Zeit in der Stadt. Im Zentrum der begleitenden künstlerischen Forschung steht Petzolds spätes, fragmentarisches Prosawerk. Ihre Sprache bewegt sich an den Grenzen von Ausdruck, Sinn und Form. Wörter kippen, Bedeutungen werden instabil, syntaktische Ordnungen brechen auf. Hier entsteht eine Verbindung zur Glitch Art: zwischen ihren sprachlichen Brüchen Petzolds und der zeitgenössischen Ästhetik der Störung des Glitch Arts öffnet sich ein Resonanzraum.
Ian Keavenys fragmentiertes digitales Porträt und Petzolds fragmentierte Sprache begegnen sich damit an einer entscheidenden Stelle: im Bruch. Was nicht vollständig rekonstruiert, geglättet oder in einen Kanon zurückgeführt werden kann, wird gerade in seiner Störung sichtbar.
Ihr Besuch
Informationen zu Ihrem Besuch
Termin 17. November
Eintritt frei
Die Plätze sind begrenzt – um Anmeldung wird gebeten kontakt@verena – voigt-pr.de
Ort Digitalvilla am Hedy-Lamarr-Platz
Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Prozesse & Systeme, Karl-Marx-Str. 67, 14482 Potsdam