Adultismus in der Institution Schule

Funktioniert  Schule ohne Adultismus?

 

von Ayiana Bartelmann und Franziska Meier

Definition Adultismus

Der Begriff Adultismus stammt vom lateinischen Wort adultus (dt.: Erwachsener) ab und beschreibt eine bewusste oder unbewusste ungleiche Machtausübung zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen. Um Überlegenheit zu demonstrieren (vgl. Meade), werden Kinder von Erwachsenen z.B. als trotzig, übermütig, rücksichtslos, unreif oder nicht vertrauensvoll eingestuft. Demgegenüber werden Erwachsene als schlau, erfahren, vertrauenswürdig und verantwortungsvoll empfunden (vgl. Vielfalt. Mediathek). Durch diese Vorurteile werden Meinungen, Rechte und Bedürfnisse von Kindern unterdrückt.

Kinder und Jugendliche begegnen demonstrativer Überlegenheit in verschiedenen Formen. Sie erleben Entwürdigung, Missachtung, Unterstellung oder Unterwerfung. Auch andere Ausübungen wie Marginalisierung, Ausschluss oder Bestrafung sind Merkmale von Adultismus. Ein tägliches „Über-die-Köpfe-hinweg-reden“ wird normalisiert (vgl. Meade). In der Gesellschaft ist Adultismus strukturell integriert und wird oft als normal oder selbstverständlich angesehen. Im alltäglichen Umgang kommt es z.B. zu Aussagen wie „Das kannst du noch nicht“, „Ich habe dich nicht gefragt“, „Sei nicht so kindisch!“ (vgl. AWO 2020). Adultismus braucht dabei nicht immer Worte, auch ohne Worte kann Überlegenheit ausgeübt werden. Das ungefragte Küssen, Anfassen und Knuddeln von Familienmitgliedern oder ein Hochwerfen und Kitzeln, sind ebenfalls Arten von Machtdemonstrationen (vgl. Meade).

 

Adultismus in der Schule

Seit den 1970er Jahren ist das pädagogische Handeln in Schulen liberaler geworden und kann nicht mit früheren Zeiten verglichen werden, in denen physische und psychische Bestrafung alltäglich war. Heute werden strukturelle Machtverhältnisse aber durch subtile Formen der Bevormundung gestärkt. Meade spricht von bestehenden asymmetrischen Machtverhältnissen zwischen den Lehrkräften und den Schüler:innen. Die Erziehungsziele der Erwachsenen sind asymmetrisch strukturell verankert. Kinder werden als erziehungsbedürftig dargestellt, somit wird ihnen ihre Eigenständigkeit genommen. Kindern kann es kurzfristig gelingen, eine gewisse Macht zu erlangen, sie bleiben dennoch den Erwachsenen langfristig untergeordnet. Die Erwachsenen bestimmen die Regeln, Normen und Erwartungen. Das Schulsystem sieht vor, das erworbene Wissen auf bestimmte Werte und Fähigkeiten zu fokussieren, die im späteren Arbeitsleben als notwendig angesehen werden. Nur mit Auszeichnungen, Titeln oder Berechtigungen bekommt ein Kind Erfolg vermittelt. Allerdings werden die Werte und Fähigkeiten nicht gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen an den Lehrplan angepasst. Der Lehrstoff wird von erwachsenen Personen erstellt und damit die bewusste Kontrolle und Machterhaltung der Lehrenden bewahrt.

Das von unten nach oben bekannte Siezen ist eine vorausgesetzte Anrede für Lehrkräfte, aber genauso selbstverständlich ist es für die Lehrkraft, die Jüngeren von oben nach unten zu Duzen. Der Aufbau des Klassenzimmers drückt zusätzlich Macht aus. Die Anordnung der Stühle und Tische begünstigt das Ansehen der Lehrkraft. Sie geben die Sitzordnung vor und bewahren durch den Frontalunterricht ein regelmäßiges Überwachen. Der freie Raum für Entscheidungen wird dadurch verringert. Meade spricht von einer „unsichtbaren Pädagogik“.

In der Lehrausbildung wird das „Classroom-Management“ gelehrt. Dies sind proaktive Kontrollmethoden. Belohnungen wie die Vergabe von Ampeln, Smileys, Sternchen oder Auszeichnungen bringen das gewünschte Verhalten. Die Vergabe von Schulnoten, die das Niveau der jeweiligen Klassenstufe nachweist, ist ein wichtiger Bestandteil. Jede Art von Leistung muss durch eine Zahl definiert werden. Lehrer*innen dürfen Noten verteilen, während Schüler*innen keine vergleichbaren Möglichkeiten erhalten, ihre Lehrkräfte zu bewerten. Mit diesen subtilen Ansätzen werden die Hierarchien in den Schulen weiterhin bewahrt (vgl. Meade). Weitere Diskriminierungsformen, wie z.B. Rassismus, Sexismus, Klassismus und Ableismus, können sich mit Adultismus überschneiden (vgl. Vielfalt. Mediathek; Meade).

Folgen für Schüler:innen

Die schwerwiegenden Auswirkungen von Adultismus, also wie Verhaltensmuster von erwachsenen Personen die Heranwachenden beeinflusst haben, zeigen sich erst im Verlauf eines Lebens. Jedoch wird bereits in der Kindheit deutlich, dass der Bezug zum „echten“ Leben in der Schule nicht hergestellt wird. Wie im Kapitel davor genannt, werden Werte und Normen vermittelt, aber die eigenen Lebenserfahrungen der Kinder bekommen wenig Bedeutung. Die gezielte Kommunikation zwischen Lehrenden und Schüler:innen von oben nach unten bzw. von unten nach oben vermittelt Unterlegenheit und Eingliederung.

Ein weiteres Thema ist der Konkurrenzdruck. Die bewusst ausgeübte Konkurrenz durch den regelmäßigen Vergleich untereinander, kann für viele Schüler:innen zu einem Gefühl des Versagens führen. Die Bewertung von Leistung und Verhalten setzt Kinder gegenseitig unter Druck. Wenn zudem ein ständiges Vergleichsdenken aufkommt, kann die Motivation je nach Leistung gestärkt oder geschwächt werden. Die daraus entstehenden Lernrück- bzw. Lernabstände im Verlauf eines oder mehrerer Schuljahre schaffen eine Distanz zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schüler*innen. Damit wird bewahrt, dass immer eine gewisse Anzahl an Kindern und Jugendlichen in eine akademische Laufbahn integriert und andere für die „einfacheren“ Berufe vorbereitet werden. Die Folge daraus ist eine soziale Selektion, die gesellschaftliche Strukturen verfestigt (vgl. Meade).

Strategien gegen Adultismus

Stärkung Partizipation
Partizipation bezeichnet die Möglichkeit von Menschen, an Entscheidungen mitzuwirken, die ihre Lebenswelt betreffen. Sie umfasst nicht nur Anwesenheit oder eine bloße Teilnahme, sondern auch Mitsprache, Mitgestaltung und je nach Kontext Mitbestimmung. Voraussetzung dafür ist, dass Beteiligte Zugang zu Informationen, geeignete Räume zur Meinungsäußerung und tatsächliche Einflussmöglichkeiten erhalten. (vgl. Meade 2022). Im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit ist Partizipation zudem als Recht zu verstehen. Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet dazu, Kindern und Jugendlichen in sie betreffenden Angelegenheiten Gelegenheit zu geben, ihre Meinung frei zu äußern und diese angemessen zu berücksichtigen. (vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte o. J.).

Um unterschiedliche Formen der Beteiligung zu beschreiben, wird häufig die Partizipationsleiter herangezogen. Meade greift das ursprünglich von Arnstein (1969) entwickelte und von Hart (1992) auf Kinder und Jugendliche übertragene Modell auf und bezieht es auf den schulischen Kontext (vgl. Meade). Das Modell unterscheidet acht Stufen der Beteiligung. Während die unteren drei Stufen lediglich Formen der Scheinpartizipation darstellen, ermöglichen erst die höheren Stufen eine tatsächliche Mit- und Selbstbestimmung. Auf den mittleren Stufen werden Kinder und Jugendliche informiert oder angehört. Auf den höchsten Stufen entwickeln sie eigene Vorhaben und werden von Erwachsenen dabei unterstützt (vgl. Meade). Die Partizipationsleiter verdeutlicht damit, wie viel Macht Schüler:innen tatsächlich eingeräumt wird.

Partizipation kann im Schulalltag auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden. Ein Beispiel ist der Klassenrat. Dort erhalten Schüler:innen die Möglichkeit, eigene Themen einzubringen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Entscheidungen für das Zusammenleben in der Klasse zu treffen. Damit der Klassenrat tatsächlich Partizipation ermöglicht, darf er jedoch nicht dazu genutzt werden, bereits getroffene Entscheidungen der Lehrkräfte lediglich zu bestätigen (vgl. Meade).

Partizipation kann dazu beitragen, Machtverhältnisse in der Schule abzubauen, da Schüler:innen nicht ausschließlich als Empfängerinnen pädagogischer Entscheidungen verstanden werden. Stattdessen erhalten sie die Möglichkeit, ihre Perspektiven einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und schulische Prozesse aktiv mitzugestalten. Nach Meade setzt echte Mitbestimmung voraus, dass die Ansichten und Interessen von Schüler*innen einen tatsächlichen Einfluss auf Entscheidungen haben. Symbolische Beteiligung reicht hierfür nicht aus (vgl. Meade).

 

Selbstreflexion
Die Stärkung der Partizipation setzt voraus, dass nicht nur die Beteiligung von Schüler:innen, sondern auch die Rolle der Erwachsenen kritisch betrachtet wird. Sinoplu weist darauf hin, dass sich Diskussionen über Partizipation häufig darauf konzentrieren, wie Kinder und Jugendliche stärker beteiligt werden können. Gleichzeitig werde jedoch zu selten hinterfragt, welche Rolle pädagogische Fachkräfte im Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und jungen Menschen einnehmen. Wenn Partizipation ernst genommen wird, müssen Lehrkräfte deshalb ihre eigene Rolle kontinuierlich reflektieren und sich bewusst damit auseinandersetzen, wie sie auch unbeabsichtigt Macht ausüben und in welchen Situationen sie Verantwortung mit Schüler:innen teilen können (vgl. Sinoplu 2026, S. 2).

Nach Sinoplu reicht es nicht aus, Partizipation allein durch Methoden oder Beteiligungsformate umzusetzen. Vielmehr bildet eine machtkritische Haltung die Grundlage einer partizipativen Praxis. Die Autorin macht deutlich, dass sich diese Haltung nicht nur auf die Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen richtet, sondern ebenso die Rolle der pädagogischen Fachkräfte sowie die institutionellen Rahmenbedingungen einbezieht. Partizipation hängt damit immer auch vom Umgang der Erwachsenen mit ihrer eigenen Macht ab (vgl. Sinoplu 2026, S. 5, 10).

Eine machtkritische Haltung setzt nach Sinoplu eine kontinuierliche Selbstreflexion voraus. Pädagogische Fachkräfte sind aufgefordert, ihre eigenen Vorstellungen von Kind und Erwachsensein sowie ihre Position im bestehenden Machtgefüge zu hinterfragen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit persönlichen Erfahrungen von Macht und Machtlosigkeit. Durch diese Reflexion können Machtungleichheiten bewusster wahrgenommen, problematische Handlungsmuster erkannt und das eigene pädagogische Handeln verändert werden (vgl. Sinoplu 2026, S. 10–11).

Auch Meade betont, dass Erwachsene ihre eigenen Privilegien reflektieren und Entscheidungsmacht mit Schüler:innen teilen sollten. Eine adultismuskritische Haltung zeigt sich demnach darin, Kinder und Jugendliche in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen und ihnen echte Mitgestaltung zu ermöglichen. Lehrkräfte verstehen sich dabei weniger als alleinige Entscheidungsträger:innen, sondern vielmehr als Begleiter:innen, Ermöglicher:innen oder Verbündete, die junge Menschen in ihren Vorhaben unterstützen und ihnen Verantwortung zutrauen (vgl. Meade).

Ausblick

Adultismus ist eine generationenübergreifende Macht. Sie ist die erste Diskriminierungsform, die alle Menschen mindestens einmal im Leben erlebt haben. Wahrscheinlich trägt genau diese Erfahrung dazu bei, dass wir sie im erwachsenen Alter unbewusst weiter ausüben. Zunächst sind die Menschen als Kind die Erziehungsbedürftigen, später sind sie es, die die erlangten Fähigkeiten nutzen dürfen, um ihr Wissen weiterzugeben. Die Institution Schule trägt einen Teil dazu bei, dass Adultismus weiterhin – in teils unsichtbaren Formen – ein Bestandteil der Gesellschaft bleibt. Die physische Bestrafung wurde durch ein Belohnungssystem und sozialen Druck abgelöst. Hierarchien zwischen den Lehrenden und den Schüler:innen werden aufrechterhalten, Macht und Dominanz werden als normal empfunden.

Dieser Diskriminierungsform kann jedoch entgegengewirkt werden. Eine machtkritische und selbstreflexive Haltung der Lehrkräfte sowie partizipative Methoden, z.B. auch im Kontext von Projekten Kultureller Bildung, können dazu beitragen, adultistische Machtverhältnisse im Schulalltag sichtbar zu machen und zu verringern. Entscheidend ist, dass Schüler*innen nicht nur angehört werden, sondern reale Möglichkeiten erhalten, Entscheidungen mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen.

7 Literaturverzeichnis

AWO (2020): Themenblatt: Adultismus. https://www.vielfalt-mediathek.de/wp-content/uploads/2021/03/AWO_DEVI_Adultismus_Themenblatt_vielfalt-mediathek.pdf (letzter Zugriff: 05.08.2026)

 

Deutsches Institut für Menschenrechte (o. J.): Partizipation. Online unter: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/kinderrechte/partizipation (letzter Zugriff: 09.08.2026).

 

Meade, Philip (2022): Was heißt Partizipation? Kinderrechte konkret, aktualisiert am 23.07.2022. online unter: https://kinderrechte-konkret.de/themen/was-heisst-partizipation/ (letzter Zugriff: 09.08.2026).

 

Meade, Philip: Kultur_formen: fördern, vernetzten, verändern: Adultismus und Schule: Die Macht der Erwachsenen über Schüler*innen: Online unter: https://www.kulturformen.berlin/veraendern/blog/post/adultismus-schule-die-macht-der-erwachsenen-ueber-schuelerinnen/ (letzter Zugriff: 05.08.2026)

 

Sinoplu, Joanna (2026): Beteiligung braucht Haltung: Machtkritische Kulturelle Bildung an der Schnittstelle Sozialer Arbeit. In: kulturelle Bildung online. Online unter: https://www.kubi-online.de/artikel/beteiligung-braucht-haltung-machtkritische-kulturelle-bildung-schnittstelle-sozialer-arbeit (letzter Zugriff: 09.08.2026).

 

Vielfalt. Mediathek. Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA): https://www.vielfalt-mediathek.de/begriffe/adultismus#quellen (letzter Zugriff: 05.08.2026)