Kulturelle Schulentwicklung und das Konzept der Kulturschule: Entwicklung, Potenziale und Herausforderungen

von Maya Kirk, Meike Michel und Lee Schulz

Historische Entwicklung des Konzepts der Kulturschule

Die 1990er Jahre: Konzept der kulturellen Praxis

In den 1990er Jahren begannen in Hessen erste konkrete Ansätze, Kulturelle Bildung systematisch in den Schulalltag zu integrieren. Eine der ersten Schulen, die ein Beispiel für das Konzept der Kulturschule boten, war die Steinwaldschule Neukirchen, die 1997 ihr „Konzept für eine kulturelle Praxis“ vorlegte. Dieses Konzept war ein wichtiger Meilenstein, da es eine Verbindung und ein Grundbewusstsein zwischen Schule und kultureller Bildung etablierte. Das Hessische Kultusministerium griff diese Ideen auf und entwickelte 1999 einen Entwurf zu „Kultureller Praxis“ für die Sekundarstufe I. Dieser Entwurf zeigt also, wie wichtig die Kulturelle Bildung als fester Bestandteil des schulischen Lernens ist. (vgl. Kammler 2025)

Die 2000er Jahre: PISA-Schock und strukturelle Veränderungen

Der PISA-Schock zu Beginn der 2000er Jahre löste eine Neupositionierung Kultureller Bildung aus. Sie wurde als Gegenentwurf zur reinen Ergebnisfixierung verstanden (vgl. Kammler 2025). Durch den Ausbau ganztägiger Schulstrukturen entstanden neue Räume für ästhetisch-künstlerische Lernformen wie Wahrnehmen, Gestalten und Reflektieren. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren wie Kulturinstitutionen, Musikschulen und Stiftungen systematisch gefördert, um kulturelle Bildungsangebote zu erweitern.

 Die 2010er Jahre bis heute: Theoriebildung und Vernetzung 

In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich die Theorie der Kulturschule weiter, geprägt durch Publikationen der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) ab 2010. Projekte wie „Kultur macht Schule“ oder die Initiative „Kulturagenten für kreative Schulen“ förderten die Vernetzung zwischen Schulen und kulturellen Einrichtungen. Die wissenschaftliche Fundierung erfolgte durch Auseinandersetzungen mit ästhetischem Lernen, Schulentwicklungsdiskursen und fachübergreifender Didaktik (vgl. Kammler 2025). Die wissenschaftlichen Arbeiten zeigten, dass Kulturelle Bildung ein zentraler Bestandteil moderner Schulentwicklung sein kann. Das Konzept der Kulturschule entwickelte sich somit von lokalen Initiativen bis zu bundesweiten Programmen und wissenschaftlichen Diskursen. Diese Entwicklung spiegelt den Wandel des Bildungsverständnisses wider – von einer rein kognitiven Ausrichtung hin zu einer ganzheitlichen, kulturell geprägten Lernerfahrung.

 

Schulkultur durch kulturelle Schulentwicklung gestalten

Um tiefer in die Materie der Schulkultur einzutauchen, werden wir uns drei klassische Bereiche der Schulentwicklung anschauen:

Personalentwicklung

In Kulturschulen sollte kulturelle Erfahrung als aktiver Teilhabeprozess gestaltet sein. Eine entsprechende Schulkultur entsteht, wenn die Schule „selbst ein gestalteter, gestaltbarer und gestaltender Ort der Kultur“ ist (Dunker 1994:238 zit. n. Klopsch 2019).

Lehrkräfte bilden sich weiter, um Lernprozesse individuell zu verbessern. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, in denen alle profitieren, offen sind und sich weiterentwickeln können – einschließlich der Lehrkräfte (vgl. hierzu Klopsch 2019). Dies schafft ein lernförderliches Klima auf Schulebene, das durch gemeinsame Unterrichtsentwicklung, gegenseitige Hospitationen und fachliche Diskussionen weiterentwickeln kann. Wichtig sind dabei Fragen, wie kulturell-ästhetische Maßnahmen schulischen Zielen entsprechen und welche Kompetenzen und Fortbildungen Lehrkräfte benötigen, um Schüler:innen optimal zu unterstützen.

Organisationsentwicklung

In Kulturschulen können unterschiedliche Schüler:innen kulturell-ästhetische Erfahrungen machen, auf diese Weise Anerkennung erleben und ihren Ausdruck finden. Auf Organisationsebene sind interne Strukturen wie z.B. Kulturteams, ein Kulturfahrplan oder ein erweitertes Schulcurriculum notwendig. Zudem bereichern außerschulische Partnerschaften das Angebot durch Projekte und zusätzliche Angebote.

Die Öffnung der Schule für Kooperationen mit externen Partnern stärkt die Schulkultur und verbindet sie mit dem öffentlichen Leben. Dies fördert einen kompetenzorientierten und persönlichkeitsfokussierten Lernzuwachs der Schüler:innen (vgl. Klopsch 2019).

Unterrichtsentwicklung

Unterrichtsentwicklung ist laut Britta Klopsch (2019) ein zentraler Baustein der kulturellen Schulentwicklung, da sie individuelle, interessensgeleitete und ganzheitliche Lernprozesse fördern kann. Kulturelle Projekte erfordern das Einbringen eigener Ideen und ermöglichen durch komplexe, mehrdimensionale Arbeiten die Vertiefung unterschiedlicher Kompetenzen – inklusive der emotionalen Komponente des Lernens.

Klopsch sieht für die Auseinandersetzung mit Unterrichtsentwicklung Parallelen zu Konzepten wie academic mindsets, motivational mindsets, growth mindsets, Leistungsorientierung und die soziale Perspektive. Academic oder motivational mindsets beschreiben die Grundhaltung, Fähigkeiten als stabil oder durch Engagement veränderbar wahrzunehmen. Growth Mindsets betonen die Zuversicht, Lernprozesse aktiv gestalten und den Lernerfolg selbst steuern zu können. Die Perspektive der Leistungsorientierung fokussiert auf das Setzen und Bewältigen von Zielen, das reflektierte Übertragen von Wissen in neue Kontexte sowie kritisches Hinterfragen. Reflexionsfragen wie „Was ist für mich wichtig und bedeutungsvoll?“ (Klopsch 2019) fördern die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und die Weiterentwicklung von Interessen und Talenten. Die soziale Perspektive schließlich betont das Gefühl sozialer Zugehörigkeit als Motivationsfaktor (vgl. Klopsch 2019).

Kulturelle Bildung als fächerübergreifende Querschnittsaufgabe

Interdisziplinarität und fächerübergreifendes Lernen verbinden verschiedene Wissensbereiche. In der Kulturellen Bildung werden ästhetisch-künstlerische Methoden häufig genutzt, um gerade solche Ansätze umzusetzen, Beispiele hierfür sind die künstlerische Darstellung biologischer Prozesse, geometrische Muster in der Kunst, Tanz als Verbindung von Sport und Kunst oder Theater in einer Fremdsprache. Die Ziele umfassen u.a. die Förderung ganzheitlicher Kompetenzen wie soziale Fähigkeiten, Teamarbeit, kognitive Kompetenzen, kritisches Denken und kreative Ausdrucksformen (vgl. Klopsch 2029).

„Sollbruchstellen“ als Lernprinzip

Weigelt und Oertel (2026) kritisieren hinterfragen die fächerübergreifende Aufteilung des Unterrichts in verschiedene Fächer, da diese zu einer isolierten Betrachtung von Wissen führet. Kulturelle Bildung soll könne dies durch die Verknüpfung verschiedener Perspektiven überwinden. Im Kontext der Kulturellen Bildung könne durch bewusst geschaffene Unterbrechungen im Unterricht – so genannte sind „Sollbruchstellen“ – bewusst geschaffene Unterbrechungen im Unterricht, die Gewohntes hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen lassen. Diese Irritationen fördern neue Denkprozesse und ermöglichen es Schüler:innen, Themen multiperspektivisch zu betrachten. „Sollbruchstellen“ unterstützten dies durch vier Formen:

1.               Vernetzung: Kombination von Inhalten verschiedener Fächer, um Zusammenhänge sichtbar zu machen.

2.               Problembearbeitung: Bearbeitung von Fragestellungen, die fächerübergreifendes Denken erfordern.

3.               Öffnung: Einbeziehung der Lebenswelt der Lernenden, um Lernen bedeutsamer und motivierender zu gestalten.

4.               Reflexion: Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Ansichten, um neue Sichtweisen zu entwickeln.

Theater als Beispiel für „Sollbruchstellen“

Theater verbindet verschiedene Unterrichtsfächer miteinander und zeigt deshalb besonders deutlich, wie Kulturelle Bildung fächerübergreifend funktionieren kann. Während eines Theaterprojekts spielen nicht nur Sprache oder Literatur eine Rolle. Auch Kunst, Musik, Geschichte, Politik oder Ethik können mit einfließen. Dadurch entstehen Lernprozesse, die weit über die Grenzen einzelner Schulfächer hinausgehen.

Beim Theaterspielen übernehmen Schüler:innen unterschiedliche Rollen und Perspektiven. Sie setzen sich mit Figuren auseinander, versuchen deren Gefühle und Handlungen nachzuvollziehen und betrachten gesellschaftliche Themen aus verschiedenen Blickwinkeln. Dadurch entwickeln sie Empathie und lernen, andere Meinungen besser zu verstehen.

Gleichzeitig arbeiten die Schüler:innen gemeinsam an einem Projekt. Sie planen Szenen, lösen Probleme, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für das gemeinsame Ergebnis. Dadurch werden fachliche Kompetenzen gefördert sowie Teamfähigkeit, Kommunikation und Kreativität.

Nach Ansicht von Weigelt und Oertel eignet sich Theater besonders gut als „Sollbruchstelle“, um Resonanz zu erzeugen. Die Schüler:innen setzen sich nicht nur theoretisch mit einem Thema auseinander, sondern erleben es aktiv durch eigenes Handeln (vgl. Weigelt und Oertel 2026). Wissen wird nicht lediglich vermittelt, sondern praktisch erfahren und gemeinsam gestaltet. Dadurch entstehen intensive Lernprozesse, die sowohl die fachliche als auch die persönliche Entwicklung fördern.

Das Theater zeigt somit beispielhaft, wie Kulturelle Bildung im Unterricht umgesetzt werden kann. Es verbindet unterschiedliche Fachperspektiven, eröffnet neue Denkweisen und unterstützt die Schüler:innen dabei, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Bedeutung und Zukunft Vorteile des Konzepts Kulturschule

Kulturschulen können eine wirksame Lernumgebung schaffen, die durch Herausforderungen, kognitive Aktivierung und die Wahrnehmung von Motivation und Emotionen als treibende Kräfte von Lernprozessen geprägt ist. Dies führt dazu, dass Schüler:innen motivierter zur Schule gehen (vgl. Klopsch 2019). Zudem fördert die Netzwerkbildung zwischen Schulen, Kulturinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen den Austausch und die Entwicklung neuer Bildungsformate (vgl. Kammler 2025).

Das Konzept der Kulturschule steht vor Herausforderungen, die eine flächendeckende Umsetzung erschweren. Ein zentrales Problem ist der Ressourcenmangel, wie fehlende finanzielle Mittel, Räumlichkeiten, Zeit oder qualifiziertes Personal. Zudem ist die Verankerung im Regelunterricht oft schwierig, da Kulturelle Bildung meist projektorientiert und nicht als fester Lehrplanbestandteil stattfindet. Hinzu kommt mangelndes Wissen bei Lehrkräften und Schulleitungen über die Bedeutung Kultureller Bildung und das Fehlen formaler Kooperationsmodelle für eine klare Zusammenarbeit (Kammler 2025).

In der Lehrer:innenbildung behindern tradierte Denkmuster und fehlende Ausbildungsformate für Kulturelle Bildung die Umsetzung interdisziplinärer Ansätze. Institutionelle Grenzen schränken zudem die individuelle Freiheit von Schüler:innen ein (vgl. Braun 2021).

Ein weiteres Problem ist die projektorientierte statt nachhaltige Umsetzung im Schulalltag. Viele Initiativen bleiben zeitlich begrenzt und werden nicht dauerhaft in Schulstrukturen integriert. Auch Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte sind noch nicht ausreichend etabliert.

Ausblick

Die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte zeigt, dass kulturelle Bildung an Schulen zunehmend durch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden geprägt ist. Allerdings findet diese Kooperation oft projektbezogen und zu selten im Regelunterricht statt.

Obwohl das Konzept der Kulturschule weit verbreitet ist, bleibt die Frage, wie es nachhaltig gefördert werden kann. Herausforderungen wie begrenzte finanzielle Mittel, Raum, Zeit und Personal könnten sonst zum Stillstand führen. Eine mögliche Lösungsstrategie liegt laut Kammler (2025) in der Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte: Durch frühzeitige Erfahrungen mit Kultureller Bildung erhalten sie Strategien, um Schule und Unterricht innovativ zu gestalten.

Kulturschulen fördern lernunterstützende Haltungen bei Lehrkräften und Schüler:innen und schaffen eine positive Lernatmosphäre.

Literaturverzeichnis

Braun, Tom (2021): Zur Theorie der Kulturschule. Eine anerkennungstheoretische Studie zum Verhältnis von Schule, Individualität und ästhetischer Erfahrung. Weinheim / Basel: Beltz Juventa.

Ludwig Dunker (1994): Lernen als Kulturaneignung. Schultheoretische Grundlagen des Elementarunterrichts. Weinheim/Basel: Beltz.

Christian Kammler (2025): Ganztägiges Lernen als Treiber einer Kulturellen Schulentwicklung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/ganztaegiges-lernen-treiber-einer-kulturellen-schulentwicklung (letzter Zugriff am 09.08.2026) DOI: 10.25529/7296-PE83

Britta Klopsch (2019): Schulkultur durch kulturelle Schulentwicklung gestalten: Von der Möglichkeit, lernförderliche Haltungen zu entwickeln. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/schulkultur-durch-kulturelle-schulentwicklung-gestalten-moeglichkeit-lernfoerderliche (letzter Zugriff am 10.08.2026) DOI: 10.25529/92552.500