Ausstellung „Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er-Jahre“

Laufzeit: 28. November 2025 – 22. März 2026
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro
Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag 11–18 Uhr, Donnerstag 11–20 Uhr

„Das Weite suchen“ lädt mit Fotografien von 1983 bis 1995 dazu ein, sich mit der Transformation kritisch auseinanderzusetzen, sich zu erinnern und neue Perspektiven zu entdecken. Die Ausstellung zeigt Bilder von zwölf Fotograf:innen, die in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren entstanden sind. In der späten DDR, in der die Zeit still zu stehen schien und sich gleichzeitig Aufbrüche abzeichneten, fanden die Künstler:innen Bilder für das Geschehen. Entstanden sind künstlerische Auseinandersetzungen und dokumentarische Kommentare der Zeit. Auch die folgenden Erschütterungen in den frühen 1990er-Jahren begleiteten die damals jungen Fotograf:innen. Die sich verändernden Bedingungen der Bildproduktion prägten auch ihre Arbeit mit der Kamera.

Mit Fotografien von:

Tina Bara, Christiane Eisler, Christian Fenger, Anselm Graubner, Annette Hauschild, Jürgen Matschie, Ute Mahler, Peter Oehlmann, Merit Schambach (geb. Pietzker), Joachim Richau, Ludwig Rauch, Barbara Wolff

(Hochauflösendes Bildmaterial stellen wir gern auf Anfrage zur Verfügung: presse@gesellschaft-kultur-geschichte.de)

Ein Jahrzehnt im Umbruch – erzählt in Bildern

Es sind die Spannungen zwischen Aufbruchseuphorie und Ernüchterung der Nachwendejahre, wofür die Fotograf:innen individuelle Bilder fanden. Und es ist die Zeit, in der Fotografien, die einst aus Gründen der Staatsrepression in den Schubladen geblieben waren, nun gedruckt und veröffentlicht werden konnten. In den fünf Kapiteln der Ausstellung: Jungsein, Arbeit, Körper, Gewalt und Lebensräume kommt eine Gesellschaft im Umbruch ins Bild.

Deutlich werden Bruchlinien und Kontinuitäten im „langen Jahrzehnt der Wende“ zwischen dem Ende der DDR und den 1990er-Jahren. Der Fokus liegt dabei auf Brandenburger Lebensrealitäten. Neben sozial-dokumentarischen und künstlerischen Fotografien präsentiert „Das Weite suchen“ Bilder aus Langzeitprojekten, in denen das Leben jener Jahre in Nahaufnahmen aufscheint.

Die fotografischen Erkundungen des Wendejahrzehnts zeigen eine Suche nach Weite in vertrauten und neuen Lebenswelten. Dieses kontrovers erinnerte Jahrzehnt prägt unsere Gesellschaft bis heute.

Es sind persönliche Sichtweisen, dokumentarische Arbeiten und Momentaufnahmen gesellschaftlicher Veränderungen. Bilder, die auf die Zeit ihrer Entstehung verweisen, und die verschiedenen fotografischen Herangehensweisen vereinen.

Bis auf Annette Hauschild sind alle Fotograf:innen in der DDR sozialisiert. Nach dem Mauerfall reisten viele und suchten „Das Weite“ an ganz anderen Orten. Die Ausstellung bündelt – neben den Arbeiten aus der späten DDR – Bilder von ostdeutschen Fotograf:innen und ihren Blick auf den Umbruch.

Sehnsucht nach dem Offenen – Heute wie damals

„Komm! ins Offene, Freund“ – der erste Vers eines Hölderlin-Gedichts war in der späten DDR ein beliebter Ausspruch. Die Ausstellung „Das Weite suchen“, kuratiert von Isabel Enzenbach und Anja Tack vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), knüpft an die damit verbundene Sehnsucht nach einem offeneren, freieren Leben an und zeigt Fotografien von Künstler:innen, die ihre Kamera nutzten, um den Blick zu öffnen.

Die gezeigten Fotoserien entstanden vor und nach 1989/90. In ihnen werden gesellschaftliche Enge und Aufbrüche jener Jahre sichtbar gemacht.

Die Wendezeit und ihre heutigen Resonanzen

Heutige Fragen nach Freiheit, Identität und gesellschaftlichem Wandel stehen mit dem Jahrzehnt der langen Wende in direktem Zusammenhang. Mit den Fotografien werden Spannungen sichtbar, mit denen auch die heutige Gesellschaft umgehen muss. Die Suche nach dem Offenen, nach Selbstbestimmung und nach einem Platz in einer sich wandelnden Welt bleibt eine menschliche Konstante.

Die Ausstellung ist mit dem Anliegen kuratiert, einen von gesellschaftlichen Fragen und den Fotografien selbst geleiteten, offenen Zugang zur Wendezeit zu schaffen. Kontinuitäten und Brüche sollen sichtbar gemacht werden und zum Austausch anregen:

„Wir haben Themen gewählt, die uns wichtig waren, um die Zeit kritisch in den Blick zu nehmen, dazu gehören die Gewalt, aber auch das Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit. In anderen Fällen haben uns die Bilder gefunden. Auf die Themen wie den Wandel von Körperbildern oder auch Jugendlichkeit als fotografisches Motiv, haben uns die Bilder gebracht.“

kommentiert Anja Tack und ergänzt:

„Unsere Ausstellung sehen wir als einen weiteren Mosaikstein in den Auseinandersetzungen über den Wert und die Bedeutung der „Wendezeit“. Fotografien bieten sich dafür an. Sie sind wie Erinnerungsbrücken in die Vergangenheit, sie wecken beim Betrachter eigene Erfahrungen, eröffnen neue Perspektiven und regen – im besten Fall – zum Austausch an.“

Isabel Enzenbach fügt hinzu:

„Oft sind die Meinungen, wie das Leben in der DDR war und wie der Einigungsprozess verlaufen ist, verhärtet. Selbst bei Menschen, die die Zeit nicht bewusst erlebt haben. Mit den Fotografien wollen wir einen offenen Zugang schaffen. In kurzen Texten erzählen wir die Entstehungszusammenhänge der Bilder.

„Das Weite suchen“ wendet den Blick auf die Jahre vor dem Mauerdurchbruch und danach. Schließlich ging dem Ende der DDR eine Entwicklung voraus. Und auch änderte sich danach nicht alles komplett. Die Ausstellung zeigt Kontinuitäten, wie zum Beispiel bei der öffentlichen Darstellung von nackten Körpern oder im Umgang mit der Natur. Sie zeigt auch Bilder des Aufbruchs und drastischer Veränderungen, die Fotograf:innen mit ihrer Kamera festhielten.“

 

Ein Kooperationsprojekt über Umbruchserfahrungen

In enger Zusammenarbeit mit dem Brandenburg Museum konnten die kuratorischen Anliegen realisiert und anhand von gut 150 Fotografien und einer Slideshow den Besucher:innen präsentiert werden. Eine begleitende Tonspur mit Musik aus der Zeit ist per QR-Code abrufbar. Die Spotify-Playlist mit drei Songs je Ausstellungs-Kapitel, erstellt von DJ helen, bietet eine weitere Anknüpfungsstelle für die gezeigten Themen.

Das Brandenburg Museum ist ein offener Ort, an dem Umbruchserfahrungen nicht nur sichtbar werden, sondern auch gemeinsam diskutiert werden können. Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven verbinden sich hier, um ein vielschichtiges Bild brandenburgischer Identitäten aufzuzeigen.

Warum die „lange Wende“ ein besonderes Anliegen des Brandenburg Museums ist, beschreibt Direktorin Katja Melzer:

„Schon frühere Ausstellungen und Veranstaltungen zur späten DDR und zur Transformationszeit in Brandenburg haben gezeigt, wie groß das Interesse unserer Besucher:innen an dieser jüngeren Vergangenheit ist. Auch bei „Das Weite suchen“ wird das deutlich. Noch immer gibt es viele Facetten, die kaum beleuchtet wurden, und Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden. Umso mehr freut mich diese Kooperation: Sie ermöglicht es uns, einen Ort zu schaffen, an dem jüngere Zeitgeschichte kritisch, differenziert und aus vielen Perspektiven betrachtet werden kann.“

„Das Weite suchen“ ist eine Ausstellung vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), entstanden in Kooperation mit dem Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte und gefördert durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Mittelbrandenburgischen Sparkasse.

Zur Förderung sagt Patricia Werner, Geschäftsführerin Ostdeutsche Sparkassenstiftung:

„Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Auseinandersetzung mit Fragen der Identität und des kulturellen Wandels in den frühen 90er Jahren. Damit wird ein Beitrag dazu geleistet, dass Menschen aller Generationen die zentrale Erfahrung des gesellschaftlichen Umbruchs nachvollziehen und möglicherweise auch ein Stück besser verstehen können. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung hat deshalb dieses Projekt gemeinsam mit der Mittelbrandenburgischen Sparkasse besonders gern unterstützt.“

 

Interaktive Vermittlungsformate für Jugendliche

ARTIST WALK & WORKSHOP FÜR SCHULKLASSEN

Die in „Das Weite suchen“ vertretene Fotografin Annette Hauschild führt durch die Ausstellung und gibt Einblicke in Arbeitsweisen und Hintergründe. Im Anschluss setzen Schüler:innen, inspiriert von den gezeigten Arbeiten, eigene fotografische Ideen mit Kamera oder Smartphone um; Ergebnisse können vor Ort präsentiert oder online veröffentlicht werden.

STOP-MOTION-WORKSHOP

In Kleingruppen entstehen kurze Animationsfilme, inspiriert von ausgewählten Fotografien der Ausstellung und ihren Themen rund um Transformation und gesellschaftlichen Wandel.

#MEINUMBRUCH – VIDEOPROJEKT

Jugendliche entwickeln kurze Videos zu persönlichen Erinnerungen und Perspektiven auf Umbrucherfahrungen; ausgewählte Beiträge können in Abstimmung kuratiert und auf museumseigenen Kanälen gezeigt werden

Kontakt: Gina Schultz (Partizipation und Outreach)
E-Mail: g.schultz@gesellschaft-kultur-geschichte.de
Telefon: +49 331 620 85 45

Begleitprogramm

VERNISSAGE

Mit Grußworten von Katja Melzer (Direktorin Brandenburg Museum) und Frank Bösch (Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam) einer kuratorischen Einführung von Isabel Enzenbach und Anja Tack sowie einem Kommentar zur Ausstellung von Dennis Chiponda, (Moderator und Journalist) | Musikalische Begleitung: DJ helen

→ 27. November 2025, Einlass: 18:00 Uhr / Programm: 19 Uhr

 

GESPRÄCH: JUGENDKULTUR UND RÄUME IN DER TRANSFORMATIONSZEIT MIT DER FOTOGRAFIN ANNETTE HAUSCHILD UND DER KULTURAKTEURIN KATJA DIETRICH-KRÖCK · MODERATION: HELEN THEIN-PEITSCH

über Jugendkultur und Rollenbilder in den Umbruchsjahren

→ 28. November 2025, 19:00 Uhr

 

KURATORINNENFÜHRUNG

mit Isabel Enzenbach und Anja Tack

→ 29. November 2025, 17:00 – 18:00 Uhr

 

DIALOGFÜHRUNG

Isabel Enzenbach und Anja Tack mit Heide Schwochow (Drehbuchautorin)

→ 30. November 2025, 16:00 – 17:30 Uhr

 

LESUNG & GESPRÄCH MIT UTA BRETSCHNEIDER UND JENS SCHÖNE (Autor:innen)

„Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“

→ 29. Januar 2026, 19:00 Uhr

 

LESUNG & GESPRÄCH MIT ANNETTE SCHUHMANN (Autorin) UND CAROLIN WÜRFEL (Autorin)

„Wir sind anders! Wie die DDR-Frauen bis heute prägt“

→ 13. Februar 2026, 18:00 Uhr

 

FILMREIHE

in Kooperation mit dem Filmmuseum

→ Termine und Programm unter www.brandenburg.museum.de

 

FINISSAGE

Öffentliche Veranstaltung zum Abschluss der Ausstellung mit den Kuratorinnen und Fotograf:innen

→ 22. März 2026

 

Weiterführende Informationen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

Kuratorinnen

Dr. Isabel Enzenbach und Dr. Anja Tack bringen ihre langjährige Expertise im Bereich ostdeutscher Fotografie und Erinnerungskultur in die Ausstellung ein. Beide forschen am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) zur visuellen Geschichte der Transformation und haben zahlreiche Ausstellungen konzipiert.

 

Fotograf:innen

 

ANNETTE HAUSCHILD

*1969 in Gießen

1991–1993 Ausbildung im Lette Verein, Fachrichtung Foto-Design, Berlin
Seit 1993 freischaffend als Fotografin tätig
1993 Gründung der Fotografengruppe und des Fotostudios Z21
Seit 1996 Mitglied bei OSTKREUZ – Agentur der Fotografen
2003–2004 Meisterklasse, Fotoschule am Schiffbauerdamm

Annette Hauschild geht 1989 mit 20 Jahren nach Berlin, an ihren „Sehnsuchtsort“. Sie interessiert sich für Tanz, Theater, Museen und entscheidet sich schließlich für eine Ausbildung als Fotografin im Lette Verein. Mit der Maueröffnung zieht es sie in den Ostteil der Stadt. Als freischaffende Fotografin lebt sie in einem besetzten Haus in Berlin-Mitte und fotografiert den Aufbruch der frühen 1990er-Jahre, den raschen Wandel der Stadt und unter anderem die Techno-Szene. Zusammen mit anderen Absolvent:innen der Schule gründet sie eine Fotografengruppe. Es folgen Aufträge für Berliner Szenemagazine und Zeitungen.

Im Jahr 1996 wird sie Mitglied der Agentur OSTKREUZ. Sie absolviert Arno Fischers Meisterklasse in der Fotoschule am Schiffbauerdamm. Für OSTKREUZ kuratiert sie Ausstellungen mit Arbeiten von Fotograf:innen der Agentur. Zu ihren aktuellen Arbeiten gehört die Ausstellung Träum Weiter – Berlin, die 90er, in der sie die Zeit des Umbruchs nach 1989/90 in Berlin als spannungsreiches Nebeneinander von Subkultur und Bauboom beleuchtet.

 

CHRISTIANE EISLER

*1958 in Berlin

1978–1983 Studium der Fotografie an der HGB in Leipzig
1983–1985 Zusatzstudium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Seit 1983 freischaffend als Fotografin tätig
Ab 1985 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK)
1990 Gründung der Fotoagentur transit in Leipzig
Seit 1990 zahlreiche Studienreisen ins Ausland

Christiane Eisler erstellt während ihres Fotografie-Studiums verschiedene Serien, in denen sie Jugendliche porträtiert. Sie fotografiert ab 1982 die Punk-Szene in Berlin und Leipzig. Als sie erfährt, dass Mädchen aus der Szene in ein Heim gebracht werden, geht Eisler dem nach. Sie erhält eine Fotoerlaubnis für den Jugendwerkhof in Crimmitschau. Während ihres Zusatzstudiums entsteht die Serie Jugendzimmer in einem Leipziger Neubaugebiet.

Im Jahr 1990 gründet Christiane Eisler zusammen mit befreundeten Fotograf:innen und Journalist:innen aus Bielefeld die Fotoagentur transit. Sie übernehmen Aufträge für Zeitschriften und Zeitungen. Die Auftragslage ist gut: Politik und Alltag in den ostdeutschen Bundesländern sind gefragte Themen in den überregionalen Printmedien. Dem schnelllebigen Arbeiten im Journalismus setzt sie immer wieder eigene Projekte entgegen. Zusammen mit der Fotografin Silke Geister erarbeitet sie die umfangreiche Ausstellung Luxus Arbeit zu Arbeiterinnen in Industrieunternehmen rund um Leipzig, die an mehr als 20 Orten – vorwiegend in Westdeutschland – gezeigt wird.

 

MERIT SCHAMBACH

geb. Pietzker, *1971 in Berlin

1988–1991 Ausbildung zur Schriftsetzerin
1990–1996 Fernstudium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Ab 1993 freischaffend als Fotografin tätig
2002 Gründung der Firma SenfSalon

Merit Schambach (geb. Pietzker) beginnt bereits als Jugendliche mit dem Fotografieren. Ein Praktikum führt sie Mitte der 1980er-Jahre zur Zeitschrift Freie Welt, wo sie den Fotografen Detlev Steinberg kennenlernt, der ihr Mentor wird. Schnell wird sie Teil der Berliner Fotografenszene und lernt unter anderem Arno Fischer kennen. Beide inspirieren sie dazu, Jugendliche ihres Alters zu fotografieren. Mit 16 Jahren beginnt sie mit der Serie Jugend in Ost-Berlin. Sie interessiert sich für unterschiedliche Jugendkulturen und fotografiert Jugendliche in ihrem privaten Wohnumfeld sowie die Bewohner:innen von besetzten Häusern.

In Berlin-Friedrichshain beginnt Merit Schambach im April 1990 ihre Arbeit an der Serie Hausbesetzer in Berlin und nimmt parallel dazu das Fotografie-Studium in Leipzig auf, das aufgrund der Wendezeit um ein Jahr verlängert wird. Einige ihrer Fotos von jungen Punks kann sie 1989 an die Junge Welt und die Gesellschaft für Fotografie verkaufen. Sie erhält zudem ein Arbeitsstipendium. Nach 1989/90 arbeitet sie bildjournalistisch weiterhin für Zeitungen und Zeitschriften. Kulturförderprojekte unterstützen ihre künstlerische Arbeit.

Im Jahr 2002 beendet sie ihre Tätigkeit als Fotografin und gründet ein Unternehmen für Senf-Spezialitäten.

 

UTE MAHLER

*1949 in Berka bei Sondershausen

1968–1969 Volontariat bei der DEWAG (Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft) in Berlin
1969–1974 Studium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Seit 1974 freischaffend als Fotografin tätig
Ab 1981 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK)
1990 Mit-Gründerin OSTKREUZ – Agentur der Fotografen
Ab 1990 Aufträge für nationale und internationale Zeitschriften
Seit 2005 Dozentin an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin
2000–2015 Professur für Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Ute Mahler konzentriert sich nach ihrem Studium auf die Porträt- und Modefotografie und arbeitet als freischaffende Fotografin unter anderem für die Sibylle. Zeitschrift für Mode und Kultur, bis diese 1995 eingestellt wird.

Nach 1990 ist Ute Mahler vorwiegend bildjournalistisch für verschiedene Zeitschriften tätig. Mit der Gründung der Agentur OSTKREUZ zusammen mit sechs weiteren Fotograf:innen gelingt es, wichtige Bildredaktionen auf sich aufmerksam zu machen. Die Nachfrage der deutschen und internationalen Medienhäuser ist hoch. Ute Mahler reist für ihre Bildserien durch die gesamte Republik. Zeit für freie Arbeiten findet sie in den ersten Jahren nach dem Umbruch kaum. 1992 lernt sie die Suppenküche Franziskanerkloster Pankow kennen. Die Themen Armut und Obdachlosigkeit setzt sie in einer folgenden Langzeit-Serie über das Berliner Obdachlosen-Theater Ratten 07 ins Bild. Es ist ihre erste freie Arbeit nach der Wende.

 

LUDWIG RAUCH

*1960 in Leipzig

1980–1985 Studium der Bildjournalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig
1986 Publikationsverbot für alle journalistischen Medien der DDR
Seit 1986 freischaffend tätig
1986–1989 Studium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Januar 1989 Übersiedlung nach West-Berlin
1991 Mit-Gründer der Zeitschrift neue bildende kunst
1992–2004 Künstlerduo Kubiak & Rauch
Seit 2009 Dozent an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin
Seit 2019 Meisterklasse Ludwig Rauch

Ludwig Rauch stößt mit seinen unverstellten und schonungslosen Fotografien der Brigade „Karl Marx“ auf Widerstände. Sie werden nicht gedruckt, und er erhält ein Veröffentlichungsverbot für alle journalistischen Medien in der DDR. Er beginnt für westdeutsche Zeitschriften zu fotografieren und verdient seinen Lebensunterhalt mit Fotoarbeiten für Künstler:innen und Kataloge. Ab 1986 studiert Ludwig Rauch Fotografie an der HGB in Leipzig. Im Januar 1989 verlässt er die DDR. 1991 wird er zum Mit-Gründer der Kunstzeitschrift neue bildende kunst, die bis 1999 existiert.

Die Zunahme der gewaltbereiten rechten Szene führt ihn 1990 nach Ost-Berlin zurück. Über Jahre fotografiert er die rechtsradikale Szene, zunächst in Berlin, dann deutschlandweit.

 

BARBARA WOLFF

*1951 in Kyritz

1969 Fotografenlehre im väterlichen Betrieb
1970–1975 Studium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Seit 1975 freischaffend tätig als Fotografin, Grafikerin und Illustratorin
1985 Übersiedlung in die BRD
Seitdem zahlreiche Auslandsreisen
Seit 1990 freiberuflich tätig für die Linhof Kamerawerke in München
1998–2011 Dozentin für visuelle Kommunikation und Fotografie an der Designschule München

Barbara Wolff erlernt das fotografische Handwerk bei ihrem Vater. Bereits während ihrer Schulzeit erstellt sie Pressebilder für die Lokalzeitung. Im Studium an der Kunsthochschule in Leipzig (HGB) spezialisiert sie sich auf Fotografik. Freiberuflich gestaltet sie Bücher und arbeitet illustrativ mit Mitteln der Fotomontage für Zeitschriften.

1982 zieht sie nach Sechzehneichen, einem Dorf, in dem weniger als 20 Familien leben. Die Neuankömmlinge werden schnell ins Dorf integriert. Beruflich arbeitet sie für verschiedene Museen der Umgebung, erstellt Stadtporträts und Radierungen.

Nachdem mehrere Reiseanträge nicht genehmigt wurden, stellt sie mit ihrem Freund und späteren Mann im Januar 1985 einen Ausreiseantrag. Wenige Monate später kann sie ausreisen und geht nach München. Sie lernt den Fotografen Stefan Moses kennen, für den sie auch arbeitet. Im Jahr 1990 beginnt sie freiberuflich für das Kameraunternehmen Linhof zu arbeiten. Erst nach dem Umzug nach Berlin 2011 widmet sich Barbara Wolff wieder intensiv freien Projekten.

 

CHRISTIAN FENGER

*1948, Frankfurt (Oder), gest. 2002, Bad Saarow

Bis 1970 Facharbeiter in Unterwellenborn (Thüringen) mit Spezialisierung auf Stahlformung
Ab 1970 Facharbeiter für Stahlformung im VEB Walzwerk Finow
Ab 1970 Mitglied im Fotozirkel der Stadt Eberswalde
1981 Meister im VEB Walzwerk Finow
1987–1991 Betreuer für „ausländische Werktätige“ aus Mosambik im Walzwerk
Ab 1992 arbeitslos
2002 in Bad Saarow verstorben

Christian Fenger lebt ab 1970 in Eberswalde. Der gelernte Metallurge arbeitet im Eberswalder Walzwerk. Er ist Mitglied im städtischen Fotozirkel des Kulturbundes. Neben seiner Tätigkeit im Stahlwerk geht er als Werksfotograf seiner Fotoleidenschaft nach. Viele seiner Bilder werden in der Werkszeitung veröffentlicht.

Ab 1987 ist Fenger Betreuer der etwa 90 mosambikanischen Arbeiter im Walzwerk. Als passionierter Amateurfotograf entstehen in dieser Funktion etwa 200 Bilder. Er fotografiert die Mosambikaner in ihrer Unterkunft und bei Freizeitveranstaltungen. In ihrem Wohnheim richtet er ein Fotolabor ein.

Ab Ende 1989 dokumentiert Christian Fenger die erzwungene Ausreise der Migranten. Er begleitet die Männer bis zum Flughafen. Er selbst verliert 1992 wie viele Stahlwerker:innen seinen Job und findet keine neue Arbeit mehr.

Der Dokumentarfilmer Thomas Balzer übernimmt den Fotobestand und übergibt ihn dem Dokumentationszentrum für Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln.

 

TINA BARA

*1962 in Kleinmachnow

1980–1986 Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin
1986–1989 Fernstudium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Ab 1986 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK)
Seit 1986 freischaffend als Fotografin tätig
Juli 1989 Übersiedlung nach West-Berlin
1990–1994 Mitarbeit in der Künstlergruppe EIDOS
Seit 1993 Professorin für künstlerische Fotografie an der HGB in Leipzig
Seit 2000 projektbezogene Zusammenarbeit mit Alba D’Urbano
Ausstellungen, Buchveröffentlichungen, Lehrprojekte im In- und Ausland

Tina Bara beginnt 1983 als Autodidaktin zu fotografieren. Sie macht Bilder von Bekannten und Freund:innen, unter ihnen viele Künstler:innen. Spielerisch inszeniert sie deren Aufbegehren gegen die politische Enge. Sie lebt in Berlin, ist aktiv in oppositionellen Gruppen, unter anderem bei den Frauen für den Frieden. In Folge einer ersten Veröffentlichung in der Künstlerzeitschrift ENTWERTER/ODER kann sie 1985 erstmals ausstellen und kurz darauf ein Fernstudium der Fotografie beginnen.

Parallel arbeitet sie freiberuflich für das DEFA-Studio für Dokumentarfilme, unter anderem für den Film flüstern & SCHREIEN (1988). Im Sommer 1989 verlässt sie die DDR. In den 1990er-Jahren arbeitet sie kurzzeitig auch bildjournalistisch für verschiedene alternative Zeitschriften und Verlage, bevor sie diese Versuche bald abbricht. Ihre freie Arbeit kann sie, unterstützt durch Stipendien und Aufträge der sozialen Künstlerförderung des Berliner Senats, fortsetzen. Im Jahr 1993 wird sie Professorin an der HGB in Leipzig und lehrt bis heute im Fach künstlerische Fotografie.

 

ANSELM GRAUBNER

*1968 in Wismar

1981 Übersiedlung in die BRD
1989–1992 Studium Fotojournalismus an der Fachhochschule Dortmund
Seit 1989 im Verein ACC Weimar aktiv
1989–1990 vier Monate Arbeit für die Tageszeitung Thüringische Landeszeitung in Weimar
1991–1992 drei Monate Arbeit für die Tageszeitung Kamtschatskaja Prawda
Seit 1992 in der Kultur- und Tourismuswirtschaft in Weimar tätig

Anselm Graubner verlässt 1981 als 13-Jähriger mit seiner Familie die DDR. Im Oktober 1989 beginnt er in Dortmund Fotojournalismus zu studieren. Nur wenige Wochen nach Studienbeginn fällt die Mauer, und er zieht nach Weimar. Dort erlebt er die Wende bei Freunden aus der studentischen Kunst- und „Haussanierer“-Szene und arbeitet als Fotograf bei der Thüringischen Landeszeitung. In der Zeit des Umbruchs öffnen sich Türen, die zuvor verschlossen waren und sich auch recht schnell wieder schließen. Anselm Graubner nutzt wie viele andere die neuen Möglichkeiten. Er kann im größten Unternehmen der Stadt, im Weimar-Werk, fotografieren. Nach mehreren rassistischen Vorfällen im Winter 1990 hält er die Arbeits- und Lebensbedingungen der im Unternehmen beschäftigten Migrant:innen fest.

Im September 1991 reist Anselm Graubner nach Russland. Auf der Halbinsel Kamtschatka arbeitet er drei Monate für die dortige Lokalzeitung. Es entstehen Aufnahmen von Landschaft und Kultur.

 

PETER OEHLMANN

*1953 in Altenburg

1971–1972 Studium der Physik an der Technischen Universität Dresden
1972–1974 Berufsausbildung zum Fotografen bei ORWO in Wolfen
1974–1976 Fotograf für Lehre und Forschung im Gesundheitswesen
1977–1982 Studium der Fotografie an der HGB in Leipzig
1981–1983 Mitglied der Künstlergruppe 37,2
Ab 1982 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK)
Ab 1982 freischaffend in Leipzig, seit 1989 in Ost-Berlin
1993 Mitbegründer der Fotografengemeinschaft ZeitOrt
Verschiedene Lehraufträge
Lebt als freier Fotograf und Dozent in Berlin

Peter Oehlmann interessiert sich, angeregt durch sein Studium an der HGB, in seinen freien künstlerischen Arbeiten für „Spuren gesellschaftlicher Transformation in der Landschaft“. Seinen Lebensunterhalt finanziert er mit Kunstreproduktionen und Aufträgen für denkmalpflegerische Dokumentationen.

Nach 1990 wächst die Notwendigkeit, mit der Fotografie Geld zu verdienen. Er wechselt in den Bildjournalismus, was für ihn eine völlige Umorientierung bedeutet. Die Redaktionen bestellen bei ihm zunächst Bilder der Aufbruchsstimmung im Land, später von Protesten gegen die Abwicklung von Betrieben in Industrie und Landwirtschaft. Peter Oehlmann missfällt es zunehmend, eingängige illustrative Bilder anzufertigen. Er sucht daraufhin andere Verdienstmöglichkeiten. Mit Kollegen gründet er die Arbeitsgemeinschaft ZeitOrt. Es entstehen unter anderem Dokumentationen von Architektur und Städtebau in Berlin. Freie Arbeiten muss er für lange Zeit zurückstellen.

 

JÜRGEN MATSCHIE

*1953 in Bautzen

1967–1971 Berufsausbildung zum Werkzeugmacher
1974–1977 Studium Maschinenbau an der Ingenieurschule in Bautzen
Ab 1977 Mitglied der Fotogruppe 63 in Görlitz
1979–1987 Kulturarbeit im Haus für sorbische Volkskunst in Bautzen
1983–1986 Fernstudium der Fotografie an der HGB in Leipzig
Ab 1986 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK)
Ab 1988 freischaffend in Bautzen tätig
1991–1997 Gründungsmitglied Sorbischer Künstlerbund e.V.
Seit 2004 Arbeit mit Nachlässen von Lausitzer Fotograf:innen
2008 Mitbegründer der ASA-Gruppe Fotografie

Jürgen Matschie führt sein Interesse an der Kultur und Landschaft seiner Heimatregion Lausitz zur professionellen Fotografie. Den zunächst erlernten technischen Beruf hängt er an den Nagel und wechselt in die sorbische Kulturarbeit. Er organisiert Foto-Ausstellungen und initiiert künstlerische Projekte, unter anderem zum Braunkohletagebau. Daraus erwächst ein eigenes Langzeitprojekt über die Arbeit im Bergbau sowie über Dimensionen und Strukturen der vom Tagebau geprägten Landschaften. Besonders interessiert ihn das Leben mit und von der Kohle. In seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit dem Alltag eines Dorfes, das der Kohleförderung weichen soll. Fortan entstehen immer wieder Serien zum Verschwinden von Ortschaften und Landstrichen.

Nach 1989/90 arbeitet Jürgen Matschie freiberuflich und übernimmt Aufträge von Museen, Verlagen und Architekturbüros. In seinen freien Arbeiten bleibt die Lausitz bestimmendes Thema.

 

JOACHIM RICHAU

*1952 in Berlin

Seit 1979 Beschäftigung mit Fotografie
Seit 1983 freischaffend als Fotograf tätig
1984 Beginn der künstlerischen Arbeit
Ab 1987 Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK)
Seit 1989 regelmäßige Arbeitsaufenthalte in Skandinavien
1994–2002 Künstlerische Lehrtätigkeit an der Kurt-Schwitters-Schule in Berlin
1998–2001 Projekte als Ausstellungskurator für internationale Foto- und Videokunst

Joachim Richau beginnt nach einigen beruflichen Wendungen als Autodidakt, sich intensiv mit der Fotografie zu beschäftigen. Schon bald rücken trotz nötiger Auftragsarbeiten zur Sicherung des Lebensunterhalts langfristig angelegte künstlerisch-fotografische Projekte in den Mittelpunkt seines Schaffens, die auch stets als Bücher konzipiert werden.

So entsteht als seine erste größere Arbeit der Zyklus Bilder aus Beerfelde 1984–87, mit dem er sich 1987 auch für den DDR-Künstlerverband bewirbt. Es folgen weitere Zyklen wie Berliner Traum, Land ohne Übergang – Deutschlands neue Grenze und finales („Abzug der Roten Armee“). Ab etwa 1995 befasst er sich für viele Jahre mit dem biografisch intendierten sechsteiligen Werkkomplex STAMMBUCH, in dem er auch seine Erfahrungen in der Vor- und Nachwendezeit reflektiert. Seit 2005 verlagert sich sein Arbeitsschwerpunkt auf eine mehr und mehr minimalistisch-abstrakte Landschaftsfotografie, die er ausschließlich in Skandinavien realisiert. Im Jahr 2025 übergibt Joachim Richau seinen Vorlass an die Deutsche Fotothek Dresden.

 

Kontakt:

Andrea Glaß
Presse und Öffentlichkeitsarbeit

Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gemeinnützige GmbH
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