Artist in Residence an Schulen

Welche Potenziale bieten Artist in Residence-Programme an Schulen und welche Hindernisse zeigen sich bei ihrer Umsetzung?

von Gregor Diehr, Isaac Pieper und Tristan Sander

Einleitung

Kulturelle Bildung hat sich zu einem wichtigen Bestandteil schulischer Bildungsprozesse entwickelt. Dabei werden Schulen heute nicht mehr ausschließlich als Orte der Wissensvermittlung verstanden, sondern auch als Räume, in denen kulturelle und ästhetische Erfahrung ermöglicht werden können. Artist in Residence-Programme an Schulen setzen an dieser Schnittstelle an: Sie bringen künstlerisches Arbeiten in den Schulalltag ein und eröffnen Schüler:innen die Möglichkeit, Kunst nicht nur als Unterrichtsgegenstand, sondern als offenen Prozess zu erleben. Artist in Residence-Programme bewegen sich in einem Aushandlungsprozess zwischen Kultureller Bildung, künstlerischer Autonomie und schulischer Struktur. Dieses Spannungsfeld macht solche Programme für die Kulturarbeit interessant. Residence-Programme können Freiräume schaffen, stellen aber zugleich hohe Anforderungen an Kooperation, Kommunikation und institutionelle Unterstützung. Wie sich dieses Spannungsfeld konkret anfühlt, zeigt das Interview mit der Künstlerin Annett Glöckner. Vier Jahre lang war sie Artist in Residence an der Evangelischen Schule Neuruppin in Brandenburg, im Rahmen des Programms „MAX – Artists in Residence an Brandenburger Schulen“ der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg.

 

Ein Atelier in der Schule

Die Verbindung von Schule und künstlerischer Arbeit eröffnet besondere Möglichkeiten für kulturelle und ästhetische Erfahrungen. Residence-Programme können zum „symbolischen und kulturellen Kapital von Schüler:innen beitragen“ (Zhukovskaya 2025). Schule wird dabei als kultureller und sozialer Lebensraum verstanden, in dem ästhetische Erfahrungen, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden können (vgl. ebd.). Künstlerische Bildung geht dabei über die Vermittlung von Wissen und Techniken hinaus und eröffnet Möglichkeiten für eigene Erfahrungen, Ausdruck und Gestaltung (vgl. Berner 2020, S. 21 f.). Für die Qualität künstlerischer Bildung ist deshalb nicht nur entscheidend, was vermittelt wird, sondern auch, wie künstlerische Prozesse gestaltet werden. Offenheit, ästhetische Erfahrung, Prozessorientierung und eine vertrauensvolle Atmosphäre können dabei zentrale Qualitätsmerkmale sein (vgl. Berner 2020, S. 30 ff.).

Ein Beispiel für diese Verbindung sind Artist in Residence-Programme an Schulen (vgl. Zhukovskaya 2025). Dabei arbeiten Künstler:innen über einen längeren Zeitraum innerhalb einer Schule und entwickeln gemeinsam mit Schüler:innen künstlerische Projekte. Ziel ist nicht allein die Vermittlung künstlerischer Techniken, sondern die Schaffung neuer Erfahrungsräume, die Kreativität, Selbstwirksamkeit und Teilhabe fördern (vgl. ebd.). Künstlerische Bildung kann dabei Räume für „Experiment, Exploration, Gestaltung und Ausdruck“ (Berner 2020, S. 32) eröffnen. Durch ein Atelier auf dem Schulgelände entsteht ein eigenständiger Zwischenraum, der weder vollständig dem schulischen Unterricht noch einem außerschulischen Kulturort zugeordnet werden kann. Dieser Raum eröffnet Möglichkeiten, andere Formen des Lernens und Zusammenarbeitens zu erproben (vgl. Zhukovskaya 2025). Eine inspirierende Umgebung und die sichtbare Präsenz künstlerischer Arbeit können dabei eine Atmosphäre schaffen, die sich vom gewohnten schulischen Lernen unterscheidet (vgl. Berner 2020, S. 29 f.).

Im Zentrum stehen ästhetische Erfahrungen, experimentelles Arbeiten und die Möglichkeit, eigene Ideen ohne unmittelbaren Leistungsdruck umzusetzen (vgl. Zhukovskaya 2025). Dabei ist besonders die Prozessorientierung relevant. Nicht nur das fertige Produkt, sondern die Auseinandersetzung während des künstlerischen Prozesses steht im Mittelpunkt. Künstlerische Bildungsangebote können dadurch „Prozessoffenheit sowie Ergebnisoffenheit“ ermöglichen (vgl. Berner 2020, S. 32).

Positive Auswirkungen zeigen sich anhand von Praxisbeispielen. Die wertschätzende Arbeitsweise der Künstler:innen und die Freiheit im Gestaltungsprozess können das kreative Selbstkonzept und das Selbstwirksamkeitserleben der Schüler:innen stärken. Eigene Ideen werden als bedeutsam erlebt und erhalten Anerkennung, wodurch das Atelier zu einem positiven Erfahrungsraum werden kann (vgl. Zhukovskaya 2025). Dafür sind Vertrauen, Wertschätzung und Respekt wichtige Voraussetzungen, da sie freies und aktives Arbeiten sowie Kreativität unterstützen (vgl. Berner 2020, S. 33).

Gleichzeitig gibt es Grenzen bei einer Verzahnung von Kulturarbeit und schulischem Unterricht. Zwar werden künstlerische Projekte häufig mit der Erwartung verbunden, den Unterricht nachhaltig zu verändern oder schulische Leistungen positiv zu beeinflussen. Solche Transferwirkungen sind jedoch nur eingeschränkt nachweisbar. Lehrkräfte berichten zwar von neuen Impulsen, sehen sich aber durch Curricula, Zeitstrukturen und Leistungsbewertung in der dauerhaften Umsetzung begrenzt (vgl. Zhukovskaya 2025). Auch die Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen und Schule erfordert eine kontinuierliche Aushandlung der jeweiligen Rollen. Künstler:innen bringen andere Perspektiven und Arbeitsweisen mit als Lehrkräfte und können dadurch Beziehungen zu Schüler:innen aufbauen, die stärker von Vertrauen, Freiwilligkeit und gemeinsamer Gestaltung geprägt sind. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ihnen Aufgaben zugeschrieben werden, die über ihre künstlerische Rolle hinausgehen. Künstlerische Arbeit kann dabei keine sozialpädagogische Professionalität ersetzen, sondern schafft vor allem einen offenen Raum für Begegnung, Kreativität und Anerkennung (vgl. Zhukovskaya 2025).

Die Kooperation wird damit selbst zu einem wichtigen Bestandteil künstlerischer Bildung. Künstler:innen und Lehrpersonen bringen unterschiedliche Kompetenzen ein, die für die gemeinsame Arbeit verbunden werden müssen. Gleichzeitig sollten die jeweiligen professionellen Rollen erhalten bleiben. Für die Qualität künstlerischer Bildung wird deshalb ein „doppeltes Kompetenzprofil“ aus künstlerischen und (kultur-)pädagogischen Kompetenzen relevant (vgl. Berner 2020, S. 30).

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird damit deutlich, dass Kulturarbeit an Schulen nicht primär über messbare Leistungssteigerungen legitimiert werden sollte. Vielmehr entfaltet sie ihre Wirkung durch besondere Erfahrungsräume, in denen kulturelle Teilhabe, ästhetisches Lernen und Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht werden. Hierbei wird eine Perspektivverschiebung von einer Kulturellen Bildung „through the arts“ hin zu einer Kulturellen Bildung „through the artists“ vorgenommen. Entscheidend ist weniger das künstlerische Produkt als vielmehr die Begegnung mit Künstler:innen selbst, deren Haltung, Arbeitsweise und Beziehungsgestaltung zum Aufbau von Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit sowie symbolischem und kulturellem Kapital beitragen können (vgl. Zhukovskaya 2025). Die persönliche Präsenz und künstlerische Arbeitsweise der Künstler:innen können dabei neue Zugänge zu Wahrnehmung, Gestaltung und Lernen eröffnen (vgl. Berner 2020, S. 29 f.). Hierbei ist zentral, dass das Atelier nicht nur ein zusätzlicher Raum in der Schule ist, sondern als besonderer Erfahrungsraum verstanden werden kann. Als ein Ort, „der anders als Schule funktioniert, aber dennoch ein Ort ist, der für Bildung steht” (Berner 2020, S. 11).

MAX – Artists in Residence an Brandenburger Schulen

MAX ist ein Programm, das professionelle Künstler:innen mit einem eigenen Atelier an Schulen bringt. Die Grundidee besteht darin, Kunst dauerhaft im Schulalltag sichtbar und erfahrbar zu machen. Künstler:innen sollen nicht nur von außen für einzelne Projekttage in die Schule kommen, sondern über einen längeren Zeitraum vor Ort arbeiten. Dadurch wird Schule zu einem Ort, an dem Schüler:innen künstlerische Prozesse beobachten, daran teilnehmen und eigene ästhetische Erfahrungen sammeln können. Ziel ist es, dass Kinder und Jugendliche Kunst nicht nur als Unterrichtsgegenstand kennenlernen, sondern als lebendige Praxis erleben.

Die Idee der MAX-Ateliers entstand zunächst in Berlin. Das Programm wurde 2015 von der Stiftung Brandenburger Tor in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin gegründet und setzt seitdem „[i]nnovative Impulse zur Integration von ästhetischer Bildung in Schulen” (Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH / Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg 2026, S. 3). Der Ansatz richtet sich nicht nur an Schüler:innen, sondern auch an Lehrende und Erziehende, die ebenfalls die Möglichkeit erhalten sollen, selbst künstlerisch aktiv zu werden (vgl. ebd.). Damit verfolgt MAX einen breiten Bildungsanspruch, wobei kulturelle Teilhabe gestärkt, Menschen über Kunst zusammengebracht und zugleich Demokratie durch Kultur gefördert werden soll (vgl. ebd.). Nach Brandenburg wurde das Programm ab 2016 übertragen und zunächst in Neuruppin, Geltow und Bernau erprobt. Von Beginn an wurde dieser Transfer vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg unterstützt und durch die Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg begleitet, die seit 2022 die Trägerschaft übernommen hat (vgl. ebd.). Die beteiligten Institutionen verstehen MAX nicht als abgeschlossenes Einzelprojekt, sondern als ausbaufähige Struktur Kultureller Bildung. Entsprechend wird als langfristige Vision formuliert: „ein Atelier pro Landkreis ist unser großer Wunsch.“ (ebd., S. 2).

An den vier brandenburgischen Standorten Lauchhammer, Pritzwalk, Bernau und Neuruppin arbeiten aktuell Künstler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Malerei, Skulptur, Druckgrafik, Poesie und Performance mit Schüler:innen zusammen. Das Programm richtet sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche, die durch die Ateliers Zugang zu Kunst, künstlerischen Techniken und ästhetischen Erfahrungen erhalten sollen. Zugleich profitieren auch die Künstler:innen, weil sie neue Arbeitsfelder erschließen und ihre eigene künstlerische Praxis in einem anderen sozialen Zusammenhang weiterentwickeln können. Auch die Schulen profitieren, da das Atelier neue Impulse in den Schulalltag bringt und kulturelle Bildung nicht nur als Unterrichtsfach, sondern als Teil der Schulkultur erlebbar macht.

MAX soll kulturelle Teilhabe ermöglichen, künstlerische Freiräume schaffen und Schule für andere Formen des Lernens eröffnen. Besonders wichtig ist dabei der Atelierraum selbst. Er kann „ein Raum ohne Takt oder Leistungsdruck“ (ebd., S. 2) sein, indem Kinder und Jugendliche „sich in kreativen Prozessen […] verlieren oder einfach in sich hineinhören“ (ebd.) können. Dadurch unterscheidet sich das Atelier deutlich vom regulären Unterricht es geht weniger um Bewertung, Ergebnisdruck oder richtige Lösungen, sondern um Wahrnehmung, Materialerfahrung, Experiment und eigene Ausdrucksform. Gerade darin liegt ein zentrales Potenzial, wenn Schüler:innen Kunst ohne unmittelbaren Bewertungsdruck erfahren und eigene Zugänge entwickeln können.

Gleichzeitig zeigt sich bereits in der Programmbeschreibung, dass MAX auf Aushandlung angewiesen ist. Dabei stellen sich die Fragen: „Wie schaffen wir die Offenheit, die das künstlerische Arbeiten braucht, an den Schulen?“ und „Wieviel Improvisation verträgt das Schulsystem?“ (Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH / Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg 2026, S. 2). Das Programm verfolgt also nicht nur das Ziel, Kunst in Schulen zu bringen, sondern muss zugleich Bedingungen schaffen, unter denen künstlerische Freiheit im schulischen Alltag möglich wird.

Erfahrungen der MAX-Künstlerin Annett Glöckner

Annett Glöckner ist von September 2022 bis zum 15. August 2026 als Künstlerin im Rahmen des Programms „MAX – Artist in Residence an Schulen“ an der Evangelischen Schule Neuruppin tätig. Die Zitate stammen aus einem ausführlichen Interview, das die Verfasser im Juli 2026 mit ihr führten.

Die Arbeit von Annett Glöckner im MAX-Programm zeigt, dass das Atelier an der Schule nicht nur als Arbeitsraum der Künstlerin funktioniert, sondern vor allem als besonderer Erfahrungsraum für Schüler:innen. Entscheidend ist dabei, dass Kunst im Schulalltag nicht punktuell, sondern über einen längeren Zeitraum präsent wird. Glöckner beschreibt ihre Tätigkeit als Verbindung von eigener künstlerischer Arbeit und regelmäßigen Begegnungen mit Schüler:innen (vgl. Int. Glöckner 2026, Z. 35 ff.). Ein zentrales Potenzial des Ateliers liegt für die Schüler:innen in der Erfahrung von Selbstbestimmung. Im Unterschied zum regulären Unterricht steht nicht die Erfüllung einer vorgegebenen Aufgabe im Mittelpunkt, sondern das eigene künstlerische Ausprobieren. Besonders deutlich wird dies in der Aussage eines Kindes: „Ich stelle mir meine eigene Aufgabe” (ebd., Z. 287). Kunst erscheint hier nicht als festgelegtes können, sondern als offener Ausdrucksraum: „Kunst ist alles, Kunst darf alles sein“ (ebd., Z. 287-288). Dadurch lernen Schüler:innen, dass Kunst nicht auf schönes Zeichnen begrenzt ist, sondern auch Schreiben, Bauen, arbeiten mit recyceltem Material, Graffiti oder andere Ausdrucksformen umfassen kann (vgl. ebd., Z. 289 f.).

Das Atelier wird damit zu einem Gegenraum zur schulischen Leistungslogik. Glöckner beschreibt es als Ort „neben dem Lehrplan” (ebd., Z. 296), an dem alternative Bildungsformate im Schulalltag erfahrbar werden. Während Schule häufig durch Noten, Erwartungen, Konzentrationsanforderungen und stilles Sitzen geprägt ist, eröffnet das Atelier einen Raum, „in dem alles anders ist“ (ebd., Z. 300) und Kinder aufatmen können. Diese Erfahrungen verdichten sich in der Aussage eines Schülers „bei Ihnen [Frau Glöckner] dürfen wir sein, wie wir sind” (ebd., Z. 303). Das Potenzial des Ateliers liegt somit nicht nur in künstlerischer Bildung, sondern auch in Anerkennung, Entlastung und Selbstwirksamkeit.

Auch für Glöckner selbst bietet das MAX-Programm wichtige Potenziale. Sie beschreibt die Residency als ihre bisher beste künstlerische Arbeit mit Kindern an einer Schule, weil sie erstmals über ein eigenes Atelier und eine feste Organisation verfügt (vgl. ebd., Z. 310-316). Für Künstler:innen entsteht dadurch eine Arbeitsform, die konzentrierte eigene Kunstproduktion und Vermittlungsarbeit miteinander verbindet. Gleichzeitig betont Glöckner, dass die Arbeit mit Kindern sie künstlerisch inspiriert, weil Kinder „frei und noch magisch“ (ebd., Z. 77) sind.

Für die Schule liegt das Potenzial des Programms darin, dass künstlerische Arbeit über den Unterricht hinaus in die Schulkultur hineinwirken kann. Dies zeigt sich etwa an größeren Projekten, Ausstellungen und der Einbindung von Schüler:innen in öffentliche Präsentationen, z.B. im Tempelgarten Neuruppin und im Schloss Rheinsberg (vgl. ebd., Z. 139-144). Dadurch wird Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als kultureller Produktions- und Erfahrungsraum sichtbar.

Gleichzeitig macht das Interview deutlich, dass die praktische Umsetzung auch mit Hindernissen verbunden ist, z.B. stehen der Kooperation mit Lehrkräften dichte Lehrpläne, Überlastung und Zeitmangel entgegen. Hier zeigt sich, dass ein Atelier im Schulgebäude allein noch keine Zusammenarbeit garantiert. Als zentrale Gelingensbedingungen formuliert Glöckner deshalb eine starke institutionelle Einführung und Begleitung. Es dürfe nicht allein Aufgabe der Künstler:innen sein, Kontakte zur Schulgemeinschaft herzustellen. Vielmehr sollte die Plattform Kulturelle Bildung die Künstler:innen zu Beginn vorstellen und klären, welche Form von Zusammenarbeit möglich und gewünscht ist (vgl. ebd., Z. 202 ff.). Ebenso wichtig ist der Schutz des Atelierraums. Das Atelier sei ein „Magic Space” (ebd., Z. 212), der als Rückzugs- und Arbeitsraum geschützt werden muss.

Zwischen Freiraum und Schulalltag

Zusammengenommen zeigen Theorie und Fallbeispiel, dass das Potenzial von Artist in Residence-Programmen weniger in der Vermittlung von künstlerischen Techniken liegt als in der Schaffung eines Raums, der anders als der reguläre Unterricht funktioniert. Ein solcher Raum kann zum symbolischen und kulturellen Kapital von Schüler:innen beitragen (vgl. Zhukovskaya 2025), weil dort ergebnisoffene Arbeitsprozesse im Mittelpunkt stehen (vgl. Berner/von Rudy 2023/2022). Im MAX-Atelier von Annett Glöckner wird aus dieser Theorie gelebte Praxis. Kinder dürfen hier selbst bestimmen, was sie tun, und erleben Kunst als Ausdrucksraum ohne Bewertungsdruck. Diese Offenheit ist zugleich die größte Hürde im System Schule. Unterricht folgt Lehrplänen, Zeittakt und Notengebung; künstlerische Prozesse brauchen jedoch Zeit, Unsicherheit und eigene Lösungswege (vgl. Berner/von Rudy 2023/2022). Künstlerische Programme sollten dabei nicht mit Erwartungen überfrachtet werden, die sie strukturell nicht erfüllen können (vgl. Zhukovskaya 2025).

 

Fazit und Ausblick

Artist in Residence-Programme wie MAX zeigen, wie viel künstlerische Präsenz an einer Schule bewirken kann. Sie schaffen Freiräume für Selbstbestimmung und ermöglichen Schüler:innen Anerkennung und kulturelle Teilhabe. Diese Wirkung entsteht jedoch nicht automatisch, sondern hängt von vier Bedingungen ab.

  1. Zeit: Residencies entfalten ihre Wirkung erst über mehrere Jahre hinweg (vgl. Berner 2020, S. 49).
  2. Raum: Ein geschützter Raum, der nicht beiläufig von außen mitgenutzt wird.
  3. Soziale Anbindung: Eine aktive Einführung in die Schulgemeinschaft (Schulleitung, Lehrer:innen, Mitarbeitende, Schüler:innen und Eltern), damit die Verantwortungen für diese Anbindung nicht allein bei den Künstler:innen liegt (vgl. ebd., Z. 212-216).
  4. Förderung: Eine verlässliche finanzielle Grundlage, ohne die weder Zeit noch Kontinuität der Programme gesichert werden können.

Fehlen diese Bedingungen, bleibt das Atelier ein isolierter Sonderraum. Sind sie erfüllt, kann es zu einem Ort werden, an dem Kinder „sein dürfen, wie sie sind“ (vgl. ebd., Z. 310 ff.) und kulturelle Bildung erhalten, etwa Ausdrucksfähigkeit, Kreativität und Selbstwirksamkeit, aber auch Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen, Teamfähigkeit und die Fähigkeit, sich mit ästhetischen und kulturellen Fragen auseinanderzusetzen.

Diese Kompetenzen sind eng mit dem verknüpft, was als kulturelles Kapital bezeichnet wird, also Wissen, Geschmack und Umgangsformen, die gesellschaftlichen Status vermitteln. Kulturelle Bildung kann dieses Wissen mithilfe von Artist in Residence-Programmen vermitteln. Dabei sind Schulen Orte, die dieses Wissen niedrigschwellig und sozial durchlässig ermöglichen können.

 

Literaturverzeichnis

Berner, Nicole (Hrsg.) (2020): Artist-in-Residence an Schulen. Kunst und Schule miteinander denken. München: kopaed.

Berner, Nicole / von Rudy, Magdalena (2023/2022): „Reach up and get a star from the sky“ – Künstlerisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen als Bildungschance. In: kubi-online, online unter: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/reach-up-and- get-a-star-from-the-sky-kuenstlerisches-arbeiten-kindern-jugendlichen (letzter Zugriff: 01.07.2026).

Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH / Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg (2026): MAX – Artists in Residence an Brandenburger Schulen. Potsdam, online unter: https://gesellschaft-kultur-geschichte.de/wp-content/uplo- ads/BKG_PKB_MAX_Broschuere_RZ_Web_Einzel.pdf (letzter Zugriff: 01.07.2026).

Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. 12., vollständig überarbeitete und aktualisierte Aufl. Weinheim: Beltz.

Zhukovskaya, Alena (2025): Wirkung künstlerischer Impulse im Kontext Schule. Evaluation des Artist-in-Residence-Programms „Das fliegende Künstler:innenzimmer“ der Crespo Foundation an der Stadtschule Schlüchtern. In: kubi-online, online unter: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/wirkung-kuenstlerischer-impulse-kon- text-schule (letzter Zugriff: 01.07.2026).