Mit Haltung und Eigensinn. Kulturgeragogik zwischen Altersdiskriminierung und Jugendkult

Text: Karin Kranhold

Karin Kranhold (Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg) und Almut Koch (Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik)
Karin Kranhold (Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg) und Almut Koch (Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik)
Karin Kranhold (Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg) und Almut Koch (Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik)
Karin Kranhold (Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg) und Almut Koch (Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik)
Prof. Dr. Eva-Marie Kessler (Prorektorin Interdisziplinarität und Wissenstransfer, Professur für Gerontopsychologie, MSB Medical School Berlin – Hochschule für Gesundheit und Medizin)
Prof. Dr. Eva-Marie Kessler (Prorektorin Interdisziplinarität und Wissenstransfer, Professur für Gerontopsychologie, MSB Medical School Berlin – Hochschule für Gesundheit und Medizin)
Prof. Dr. Eva-Marie Kessler (Prorektorin Interdisziplinarität und Wissenstransfer, Professur für Gerontopsychologie, MSB Medical School Berlin – Hochschule für Gesundheit und Medizin)
Prof. Dr. Eva-Marie Kessler (Prorektorin Interdisziplinarität und Wissenstransfer, Professur für Gerontopsychologie, MSB Medical School Berlin – Hochschule für Gesundheit und Medizin)
Katja Melzer (Geschäftsführerin der BKG)
Katja Melzer (Geschäftsführerin der BKG) ©Karin Kranhold
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Projektvorstellungen
Projektvorstellungen
Projektvorstellungen
Projektvorstellungen
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde
Solange Lingnau (Fachbereichs Kultur und Museen, Landeshauptstadt Potsdam): Potsdamer Kulturwinter. Gemeinsam gegen Einsamkeit
Solange Lingnau (Fachbereichs Kultur und Museen, Landeshauptstadt Potsdam): Potsdamer Kulturwinter. Gemeinsam gegen Einsamkeit
Solange Lingnau (Fachbereichs Kultur und Museen, Landeshauptstadt Potsdam): Potsdamer Kulturwinter. Gemeinsam gegen Einsamkeit
Solange Lingnau (Fachbereichs Kultur und Museen, Landeshauptstadt Potsdam): Potsdamer Kulturwinter. Gemeinsam gegen Einsamkeit

Die Quintessenz der Weisheit: Kulturelle Bildung ist keine Frage des Alters

Wie lautet die Quintessenz der Weisheit, die so kurz zusammengefasst ist, dass sie auf ein winziges Stück Papier geschrieben werden kann? In einer Geschichte nimmt Suse Weisse, Geschichtenerzählerin und Storyteller aus Potsdam, die Teilnehmenden mit zu einer Antwort: Alles geht vorüber. Die Vergänglichkeit kostbarer Augenblicke und die damit einhergehende Beständigkeit des Wandels lassen sich auf die Bedeutung Kultureller Bildung übertragen. Der Flügelschlag subjektiver ästhetischer Erkenntnisse kann große gesellschaftliche Wirkung entfalten und ist ein notwendiger Begleiter in sich beständig wandelnden Situationen: Kulturelle Bildung ist essentiell – dies gilt für jedes Alter!

2024 führte die PKB gemeinsam mit der Regionalgruppe Ost des Fachverbandes Kunst- und Kulturgeragogik erstmals einen Fachtag zum Thema Kulturelle Bildung für, mit und von ältere(n) Menschen durch. Der etwas sperrige Begriff der Kulturgeragogik stand zunächst selbst im Mittelpunkt des Treffens. In diesem Jahr fokussierte sich der Blick auf das Themenfeld des Ageismus.

Auf dem Weg zu einer alterspositiven „Gesellschaft des längeren Lebens“

In einem umfassenden Input mit dem Titel „Ageismus: ein häufiges, wenig erkanntes und oft unwidersprochenes Phänomen“ erläuterte Prof. Dr. Eva-Marie Kessler von der Medical School Berlin die empirisch fassbaren, negativen Auswirkungen diskriminierender Erfahrungen auf Menschen im höheren Lebensalter. Frau Kessler ist Teil der 11-köpfigen Kommission, die den im Januar 2025 veröffentlichten Neunten Altersbericht der Bundesregierung erstellte. Alter zählt neben Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Identität und Behinderung zu den sechs zentralen Diskriminierungsmerkmalen. Stereotype Altersbilder zwischen „einsamen Opfern“ und „junggebliebenen Supersenior:innen“, Ressentiments gegenüber Älteren, problematische Altersnormen bzw. Erwartungen an die Menschen, benachteiligende Gesetze, aber auch verinnerlichte, gegen sich selbst gerichtete Überzeugungen bilden hierbei die Facetten von Ageismus. Statt auf der Basis eines ausschließlich defizitär verstandenen Alterns von einer „überalterten Gesellschaft“ zu reden, wird im Vortrag der alterspositive Begriff einer „Gesellschaft des längeren Lebens“ vorgeschlagen, einer altersintegrierten Gesellschaft mit einer Chance auf Weiterentwicklung. Eine lebhafte Diskussion verdeutlichte den bestehenden Informations- und Aushandlungsbedarf. Frau Kessler betonte, dass eine Auseinandersetzung mit Ageismus – ebenso wie mit Rassismus und Sexismus – aktiv erfolgen muss, um erfolgreich sein zu können. Es braucht Mut, um alterspositive Änderungen anzustoßen!

Prof. Dr. Eva-Marie Kessler (Prorektorin Interdisziplinarität und Wissenstransfer, Professur für Gerontopsychologie, MSB Medical School Berlin – Hochschule für Gesundheit und Medizin)
Prof. Dr. Eva-Marie Kessler (Prorektorin Interdisziplinarität und Wissenstransfer, Professur für Gerontopsychologie, MSB Medical School Berlin – Hochschule für Gesundheit und Medizin)

Weiterführende Links zu Veröffentlichungen von Prof. Dr. Eva-Marie Kessler:

Vier Projekte aus dem Landesförderprogramm des MWFK

Diesen Mut bewiesen Kulturakteurinnen aus vier kulturgeragogischen Projekten, die im Jahr 2025 erstmals in dieser Anzahl im Landesförderprogramm „Kulturelle Bildung und Partizipation“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur gefördert wurden.

Museum und Pflegeschule: Gemeinsame Erinnerungsarbeit

In Eisenhüttenstadt entwickelte die Kulturgeragogin Almut Koch das Konzept Alltag weckt Erinnerung. In Kooperation zwischen dem Museum für Utopie und Alltag und der Schule für Gesundheits- und Pflegeberufe e.V. entstanden vielfältige Museumskoffer, die den Ausgangspunkt für objektbasierte Erinnerungsarbeit mit an Demenz erkrankten Menschen und den sie pflegenden Personen bieten. Die Methoden wurden gemeinsam mit den Auszubildenden entwickelt. Vom Bügeleisen bis zur Badehose – das Museum stellte zahlreiche Objekte aus dem Depot für die Museumskoffer zur Verfügung, die nun an unterschiedlichen Orten zum Einsatz kommen können. Durch die Objekte werden alle Sinne einbezogen, die Erinnerung auf vielfältigen Ebenen angesprochen und ein aktiver Austausch angeregt. So eröffnen sich ungeahnte Räume eines gemeinsamen und gleichberechtigten Austausches zwischen den älteren Menschen und den meist jüngeren Pflegenden.

Ein barrierefreier Ort für gemeinsame Kulturerfahrungen

Gabriele Struck (Kulturvermittlerin) und Elisabeth Claussen-Greim (Kulturvermittlerin): Im Walde

Die Kunst- und Kulturvermittlerinnen Gabriele Struck und Elisabeth Claussen-Greim richteten sich in ihrem Vorhaben „ImWalde“ in Kooperation mit der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg e.V. an hochaltrige Senior:innen mit und ohne Demenz, in häuslicher Pflege oder in Wohngruppen. Eine multisensorische Heranführung an das Thema Wald erfolgte über haptische, olfaktorische und akustische Impulse sowie im gemeinsamen Gespräch über Gemälde und Gedichte. Für das Projekt fanden sie im ehemaligen Landarbeiterhaus in Kleinmachnow einen barrierefreien Ort mit optimalen Zugangsmöglichkeiten. Der unmittelbare regionale Bedarf übertraf alle Erwartungen: Innerhalb kürzester Zeit waren die Termine ausgebucht, es bestehen bereits Nachfragen für eine Fortsetzung.

Die Wirkungen generationsübergreifenden Arbeitens

Natalie Schlüter-Higgins (Student Author Projekt e.V.); Jennifer Piehl (Schreibpädagogin): Intergenerationelles Projekt. Wir schreiben ein Kinderbuch!

„Du bist aber nett!“ Diesen Satz eines Kindergartenkindes hob eine Teilnehmerin in höherem Alter als einen der schönsten Momente während des gemeinsamen Arbeitens im Projekt „Wir schreiben ein Kinderbuch!“ hervor. Die Aussage verdeutlicht die generationsverbindende Kraft, die in dem Vorhaben des Vereins Student Author Project liegt. Nathalie Schlüter Higgins und die Schreibpädagogin Jennifer Piehl ermöglichten Senior:innen über mehrere Wochen, Erfahrungen im kreativen Schreiben zu sammeln, Geschichten zu entwickeln und gleichzeitig Medienkompetenzen zu sammeln, da ein Teil der Begleitung auch in digitalen Terminen angeboten wurde. Im unmittelbaren Austausch mit Kita-Gruppen an fünf unterschiedlichen Standorten entstanden schließlich 16 Geschichten, die zusammen mit zahlreichen Illustrationen der Kinder in einem gemeinsamen Buch publiziert wurden. Dieses Buch ist greifbarer Ausdruck der Selbstwirksamkeit aller Beteiligten und kann regulär bestellt werden.

Pflegeheimbewohner:innen im Kulturbetrieb

Laura Böttinger von Bureau Ritter

Unter dem sprechenden Titel „Raus aus dem Heim, rein ins Theater“ widmete sich das vierte Projekt einer großen Aufgabe: Laura Böttinger vom Bureau Ritter stellte das Konzept vor, sich mit Menschen in Pflegeeinrichtungen zunächst vor Ort mit dem Thema Tanz zu beschäftigen, – erzählend, sich erinnernd, sich austauschend über Ideen des Tanzes und selbst im Rahmen der körperlichen Möglichkeiten tanzend. Nach mehreren Terminen besuchten die Bewohner:innen schließlich eine reguläre Tanzaufführung in der fabrik Potsdam. Das Vorhaben öffnete den älteren Menschen den Raum, an eigene kulturelle Erfahrungen anzuknüpfen, und machte sie gleichzeitig öffentlich als Menschen mit Kulturinteresse sichtbar. Hier zeigen sich aber auch grundsätzliche Hürden des Kulturbetriebs, denn das reguläre Abendprogramm können Gruppen aus Pflegeheimen aus zeitlichen Gründen nicht besuchen. Nachmittagsvorstellungen außerhalb eines Kinderprogramms sind aber in vielen Häusern noch kein Standard. Das Fazit der teilnehmenden Pflegeheimbewohner:innen verdeutlicht auf berührende Weise die Wertschätzung dieses Angebots, das unter wissenschaftlicher Begleitung im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden wird.

Durch Kulturförderung von Einsamkeit zur Gemeinsamkeit

Von essentieller Bedeutung ist es, dass Kulturförderstrategien Kulturelle Bildung für alle Altersgruppe überhaupt ermöglichen. Solange Lingnau, Bereichsleiterin Kulturentwicklung und -marketing in der Landeshauptstadt Potsdam, stellte das aktuelle kommunale Förderprogramm „Potsdamer Kulturwinter 2025“ vor. Die Ausschreibung richtete sich unter dem Titel „Gemeinsam gegen Einsamkeit“ an Kulturakteur:innen, die in den Monaten November und Dezember betont barrierearme und zugleich kooperativ und partizipativ angelegte Ideen umsetzen wollten. Im Fokus stand die Kombination von künstlerischer Qualität und soziokulturellem Charakter. „Vielfalt entdecken, Gemeinschaft leben“ gibt programmatisch die Zielsetzung der ausgewählten Vorhaben wieder, die an zahlreichen unterschiedlichen Orten in der Stadt ein breites generationsübergreifendes Publikum ins gemeinsame kulturelle Handeln bringt. Einsamkeit betrifft alle Altersgruppen. Kulturförderungen, die sich gemeinschaftlichen Austausch zum Ziel setzen, halten hier aktiv dagegen und bieten die Chance für die Entwicklung einer altersintegrierten Gesellschaft.

Solange Lingnau (Fachbereichs Kultur und Museen, Landeshauptstadt Potsdam): Potsdamer Kulturwinter. Gemeinsam gegen Einsamkeit
Solange Lingnau (Fachbereichs Kultur und Museen, Landeshauptstadt Potsdam): Potsdamer Kulturwinter. Gemeinsam gegen Einsamkeit

Ausblick: Kulturgeragogik bei der Plattform Kulturelle Bildung

Der inhaltsreiche Tag hat deutlich gemacht, welche Bedeutung der Kulturgeragogik innerhalb der Kulturellen Bildung zukommt – und wie groß der Bedarf im Diskurs und in der praktischen Arbeit tatsächlich ist. Als Thema wird die Kulturelle Bildung für Menschen im höheren Lebensalter daher die Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg auch 2026 begleiten – wir bleiben dran und freuen uns auf den weiteren Austausch!