Christoph Medicus: Die Sache mit dem Co-Ding

Christoph Medicus war in den Schuljahren 20/21 und 21/22 im Rahmen von »Max – Artists in Residence an Schulen« an der Evangelischen Schule in Neuruppin tätig. Wie Künstlerisches Schaffen und Schule seiner Meinung zusammenpasst, was es mit dem „Co-Ding“ auf sich hat und wie er rückblickend das Projekt als Ideen- und Impulsgeber für sein eigenes künstlerisches Schaffen bewertet, erfahren Sie im Interview.

Herr Medicus, Sie waren Stipendiat des Max Residence Programms der Plattform Kulturelle Bildung. Dafür hatten Sie 2021/2022 einen Atelierraum für Kunstprojekte mit den Schülerinnen und Schülern an der Evangelischen Schule Neuruppin. Ihr künstlerischer Ansatz, so beschreiben Sie es auf Ihrer Webseite, ist: Neue Räume zu schaffen und dadurch neue Handlungsräume zu eröffnen. Was genau haben Sie in Neuruppin gemacht?

Ich habe verschiedene Aktionen, auch auf dem Schulhof initiiert. Vor allem aber habe ich mit Drucktechnik gearbeitet. Das ist letztlich recht nah dran an dem, was im Kunstunterricht eh angeboten wird. Aber es war letztlich freier und experimenteller: mehr manschen, mehr ausprobieren. Das hat den Schülern sehr gefallen. Viele sind immer wieder gekommen und wollten „in Farbe wühlen“, sie auf die Druckplatte „knallen“ und sich von den Effekten überraschen lassen. So gesehen ist es schon in kleinerem Rahmen möglich, die Spielräume zu erweitern.

Wie hat der Handlungsraum Schule auf Sie gewirkt?

Ich habe gemerkt, dass Schule mich als Künstler gedanklich einengt. Es ist eine Hürde, den Kontext Schule mitzudenken. Da werden Themen laut wie struktureller Rassismus, mit dem ich mich viel befasst habe, aber auch Bildung und Bildungssysteme als klassizistisches Machtgefüge, in der Art, wie Schule intern funktioniert. Sie ist nicht wirklich demokratisch und auch nicht wirklich schülerorientiert. Es ist ein Verwaltungsapparat, um zu beschäftigen und ruhig zu halten. Das Atelier ist dabei wie ein Gegenpol. Aber es ändert nichts an dem, was drumherum passiert.

Und doch halten Sie den Ansatz der kulturellen Bildung für sinnvoll?

Ja, unbedingt. Und es sollte von diesen extra Orten auch unbedingt mehr geben. Aber noch wichtiger erscheint es mir, dass es diese Abgrenzung zwischen Lehrer und Künstler, der von außen kommt, nicht mehr bräuchte. Kunstlehrer, als solcher arbeite ich ja auch wieder an Schulen, benötigten zum Beispiel Entlastungsstunden, damit sie ihre eigene Kunst machen können. Damit die Kunstlehrer mit einer selbstbestimmten Haltung nicht zwei Jobs machen müssen. Eigentlich bräuchten die Fachlehrer, egal in welchem Fach, mehr Zeit für eigene Experimente und Erfahrungen.

Was war rückblickend für Sie das Alleinstellungsmerkmal der Max-Residence?

Das Besondere an der Arbeit an der Schule war, dass man zusammen mit den Schülern etwas herstellt – im Unterschied zu dem Künstler, der nur für sich und seine eigene Produktion arbeitet oder der Kunstlehrer, der seine eigene Position möglichst aus dem Prozess heraushält. Neben dem Kontakt zu den Schülern kann so eine ganz neue Art von Kunst entstehen, die ohne die Schüler gar nicht möglich wäre. Das braucht aber eine Weile, in partizipative Produktionsprozesse zu gelangen. Denn alle sind Einzelkämpfer. Es braucht Zeit, auch bei den Künstlern selbst, bis man sich darauf einlässt, die Ergebnisse mitzunutzen, wertzuschätzen, genauso wie etwa das eigene Zeichnen. Bei Max geht es genau um dieses Dazwischen. Es ist eine gemeinschaftliche Produktion, die neu definiert werden müsste. Im Ergebnis ist es keine reine Schülerarbeit, aber auch keine, von einem Profi erstellte Künstlerarbeit. Eine Ko-Produktion. Das Co-Ding habe ich das genannt.

Was genau verbinden Sie mit „Co-Ding“?

Das ist ein neuer Bereich, der betreten werden kann, noch nicht klar definiert ist, weder von Kunstlehrern noch von dem Programm und auch von den Schülern ist es noch nicht greifbar. Ich habe es auch erst entdeckt. Und dieses Co-Ding kann nur an so einem Ort entstehen, wo man diese mitproduzierenden Kinder hätte.

Das beinhaltet ja letztlich auch eine neue Positionierung des Künstlers.

Ja, denn es gibt bislang keinen gesellschaftlichen Ort dafür. Klar, manche Künstler arbeiten ähnlich und labeln dies auch, vereinnahmen und verkaufen es für sich. Dabei ist es im Raum der kulturellen Bildung entwickelte Kunst als Abgrenzung zu im Kunstunterricht entwickelter Kunst. Es ist zwischen Kunst und Übung angesiedelt.

Sie sagten in einem Interview, dass Sie aus jedem neuen Ort neue Ideen gewinnen. Welche haben Sie in Neuruppin gewonnen?

Während der zwei Jahre der Residenz habe ich eigentlich nur fünf Druckplatten gehabt, die ich am Anfang erstellt hatte. Ich hatte vorab diese Platten gefräst, wie Mustervorlagen, die immer wieder variiert und genutzt wurden. Und diese Platten haben den Schülern immer wieder neue Möglichkeiten gegeben, Formen herauszunehmen, zu kombinieren und damit zu arbeiten. Diese Art zu arbeiten, war für mich neu – über einen längeren Zeitraum mit einem klar definierten Set an Werkzeug zu experimentieren und eine möglichst hohe Vielfalt mit den Schülern gemeinsam herauszuholen. Diese Art der Permutation habe ich zwar auch in meinen sonstigen Arbeiten – Material mehrfach zu verwenden, Elemente zu übernehmen und in einem neuen Kontext etwas Neues zu produzieren. Aber noch nicht in dem Bereich Druckgrafik. Letztlich war das Neue auch, so lange an einer Sache dranzubleiben. Durch die materiellen und räumlichen Grenzen, die ein Atelier in einer Schule mit sich bringt, konnte ich gar nicht „ausufern“. Und das war doch ein neuer Schritt für mich, der gut getan hat.

Das Interview wurde geführt von Grit Weirauch.

Fotos: Christoph Medicus

Über Christoph Medicus

Christoph Medicus wurde 1983 in München geboren und studierte Kunst und Philosophie in Mainz, Leipzig und zuletzt bei Prof. Gregor Schneider und Prof. Else Gabriel in Berlin. Arbeiten zeigte er zuletzt unter anderen im Museum der bildenden Künste Leipzig, im Projektraum Group Global 3000 in Berlin, im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, im Saarländischen Künstlerhaus und im Künstlerhaus Dortmund. 2013 erhielt er ein Stipendium der Bauhaus Stiftung in Dessau und war 2016 am Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Mit dem Schriftsteller Tobias Roth gründete er 2009 den Projektraum  Betakontext der bis 2020 als Gemeinschaftswerkstatt, Hinterhofvorgarten und Plattform für künstlerische Experimente in Berlin aktiv war.