BFK Interkultur
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Menschen mitdenken

Was tun mit der sozialen Ausgrenzung und dem Willen, etwas zu ändern? Der 7. Bundesfachkongress Interkultur in Potsdam sucht neue Wege der Teilhabe in unserer unübersichtlichen Gegenwart

Es ist Mitte September, spätsommerliche Sonne am Neuen Palais: Im Park Sanssouci, von Friedrich II für die Gäste seines Hofes erbaut, in dem Innenhof vor dem heutigen Audimax steht ein gläserner Würfel, grellgelbe und pinke Streifen sind auf dem Pflaster kreuz und quer verteilt. Das bunte Papier markiert Kreuzungen, Wege für Begegnungen auf historischem Boden – und steht auf gewisse Weise auch symbolisch für das, was zwischen dem 13. und 15. September 2023 an der Universität Potsdam beim 7. Bundesfachkongress Interkultur entstehen wird.

Text von Grit Weirauch, Bilder von Gordon Welters

Woher kommen wir?

Erstmals fand dieser dreitägige Kongress in Ostdeutschland statt. 2006 initiierten der Bundesweite Ratschlag Kulturelle Vielfaltund das Forum der Kulturen Stuttgart e.V.diese deutschlandweit einzigartige Tagung. Seit 17 Jahren werden dabei gesellschaftlich-relevante Fragen des Miteinanders von Menschen verschiedener Kulturen diskutiert. Die einzelnen thematisch unterschiedlichen Foren der Tagung waren diesmal mit verschiedenen Räumen überschrieben. Zwischen ihnen konnte man auswählen und sich bewegen, zwischen „Aktionsräume“, „Zukunftsräume“, „Grenzräume“ oder dem Fachforum „Freiräume“ – im Freien mitten auf dem Platz vor dem Tagungszentrum.
Etwa 250 Teilnehmende waren der Einladung der Veranstaltenden gefolgt. Unter ihnen Organisator*innen der Migrantenbewegung aus Ost- und Westdeutschland, Mitarbeitende von Bundesinstitutionen sowie Verbänden, aber auch renommierte Künstler:innen und Wissenschaftler:innen wie die Schriftstellerin Fatma Aydemir , die Historikerin und Journalistin Charlotte Wiedemann , der Tänzer und Aktivist Raphael Moussa Hillebrand , die Soziologin Naika Fouroutan.
Hervorstechendste Gemeinsamkeit der Teilnehmenden: die beruflichen Hintergründe der Teilnehmenden waren so divers wie ihre biografischen. Der Frage nach der Herkunft und ihren Auswirkungen auf das soziale Miteinander widmeten sich denn auch die zwei Fachforen „Erinnerungsräume – Wem gehört die Erinnerung“ und „Klassenräume – eine multiperspektivische Werkstatt“.

„Es war ein volles Programm und bezog sich ganz konkret auf unser Arbeit. Mir ist sehr klar geworden, wie wichtig Diversität ist.“
Israa El-Fil, Mitarbeiterin am Goethe-Institut München

Wo stehen wir?

Wenn es um Räume des kollektiven Erinnerungsbewusstseins Deutschlands geht, ist das Gedenken an den Nationalsozialismus hierzulande so etwas wie die Eingangspforte. Will man den Raum betreten, so geht der erste Schritt durch dieses Tor, die Erinnerung an den Holocaust. Dafür brauche es Empathie – für Täter und Opfer, meint Charlotte Wiedemann in ihrem Eingangsvortrag „Den Schmerz des Anderen begreifen. Holocaust im Weltgedächtnis“. Für die Historikerin ist diese Empathie mehr als bloßes Mitfühlen: „Empathie ist eine intellektuelle Leistung des Begreifens.“
Doch was ist mit jener Geschichte, jenen Biografien und Geschichten, die erst gar nicht ins kollektive Bewusstsein dringen? Wenn die Erinnerungen im Dunklen liegen oder nicht gehört werden, es bislang gar keine Räume des Mitfühlens gibt, geschweige denn des intellektuellen Aufarbeitens?
Die Leerstellen in der Erinnerungskultur der DDR, wie sie Patrice Poutrous und Paulino José Miguelselbst erlebt haben und in ihren Vorträgen schildern, sind dafür beispielhaft. Der eine hat sudanesisch-ostdeutsche Wurzeln und ist heute Historiker und Migrationsforscher. Der andere wuchs als gebürtiger Mosambikaner in der DDR auf und ist heute beim Forum der Kulturen Stuttgart tätig. Noch immer, auch Jahrzehnte später, steht ihr beider Leiden wahrnehmbar im Raum ¬– ein Leiden, das aufgrund von Rassismus, Verdrängen und Vertuschen entstanden ist.
Es reiche allerdings nicht, so meint Paulino José Miguel, dass darüber berichtet werde. Weitaus wichtiger als die Wahrnehmung des Unrechts sei die Teilhabe an der Aufarbeitung. „Ich möchte, dass ich an der Fragestellung beteiligt bin“, sagt er. „Wer unterstützen möchte, schaffe die Räume dafür – und schreibt nicht selbst.“
Einfach umzusetzen ist dies nicht. Eher zeigen sich solche Ansätze wie auch die zum Gedenken von Genoziden anderer Kulturen innerhalb Deutschlands „als Teil einer neuen Unübersichtlichkeit“, wie Charlotte Wiedemann es nennt. „Komplexität gehört zur gegenwärtigen Situation und die bekommen wir auch nicht weg.“ Klar jedoch ist für sie: Erinnerungskultur darf und muss verstören. Schließlich sei sie das Produkt von Kämpfen gegen bestehende Abwehrmechanismen.

„Wir dürfen keine Rezepte für die Garküche der Zukunft liefern.“
Franz Kröger, Kulturpolitische Gesellschaft e.V.

Räume von Wut und Trauer, Angst und Mut

Kampf, Abwehr und System stehen auch im Mittelpunkt des Fachforums „Klassenräume – eine „multiperspektivische Werkstatt“. Sie findet gleichzeitig ein paar Räume weiter im Unigebäude statt. Der Fokus lag hier allerdings auf dem Arbeitsmarkt und dem deutschen Bildungssystem.
Diskriminierung und Segregation migrantischer Menschen geschieht in beiden System, und in der Bildung von kleinauf, so der gemeinsame Nenner. Unterschiedlich aber ihr Umgang damit: Lebenswege von Scheitern und Aufgefangenwerden treten zutage, Überanstrengungen, um in Schule und Beruf mitzuhalten; Angst vor Angepasstsein wie auch vor Nichtangepasstsein, aber auch innere Diskriminierung bis hin zur Selbsteliminierung. Und nicht zuletzt Beispiele, die Mut machen: Soribe Martin Dembélé etwa stellt die Schule für Erwachsenenbildung in Berlin vor, die er absolvierte, Jasmin Friese ihr Projekt „ArbeiterKind.de – Für alle, die als Erstes in der Familie studieren“.
Immer wieder während der Kongresstage, in den verschiedenen Foren und auch hier entsteht dabei ein ganz eigener, emotionaler Raum: Dort, wo Schmerz, Trauer und Wut über erlebtes Unrecht fühlbar werden, Verzweiflung bis hin zu Hass der Mehrheitsgesellschaft gegenüber.

„Gesellschaft und Kultur sind immer auch Räume des Ausschließens. Ich bin monolingual und habe während des Kongresses eine Demut gespürt vor der Sprachenvielfalt, aber auch Zweifel an meiner Rolle im Prozess des Kulturellen Geschehens. Es geht auch darum, die Sprachenmacht neu zu verteilen.“
Lars Fischer, Kulturwissenschaftler und Kongressbeobachter

Was wollen wir verändern?

Nur: Wie lässt sich daraus etwas erschaffen? Für Ali Konyali, Kulturwissenschaftler am Deutschen Institut für Integrations- und Migrationsforschung, ist gerade die Wut ein wichtiger Motor im Handeln. „Wir müssen mehr hinter die einzelnen Geschichten schauen und die Struktur erkennen. Und den Wut- und den Mutmuskel trainieren, um Widerstand zu leisten und Neues hervorzubringen.“
Wie so eine empowerte Auseinandersetzung mit den eigenen Prägungen aussehen kann, zeigt zum Abschluss der Klassenräume-Werkstatt die Performancekünstlerin und Migrationsforscherin Jacqueline Saki Aslan. Hier zwei Auszüge aus ihrem Spoken Word Text „Dachbodenneid“:

„Geschichte hat immer einen Haken
Wie ein weißes Laken
legt sich das Schweigen über uns
und immer dann, wenn sie sich wünschen, dass
wir – Omm –
endlich in uns
selber ruhen,
holen wir Nadel und Faden raus
und besticken dieses Laken mit unseren
Stimmen
und machen uns
– Omm –nipräsent, aber so
richtig schlimm
Das ist der Kreuzstich, den meine Mutter an mich weitergegeben

Wir wollten für immer zu Haus bleiben
für immer Kind bleiben
wollten unseren Eltern eine Freude bereiten,
eine Erleichterung sein
ein guter Preis für ihr Leiden in Almanya sein.“

BFK Interkutur Freiräume
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Freiärume

Das Neue, Experimentelle entstand derweil auch in der Nachmittagssonne vor dem Audimax. Greifbar, sichtbar und lesbar überall dort, wo in der Kaffeepause die Teilnehmenden im Kubus der Freiräume Kontakte knüpften, Wünsche formulierten und miteinander Kunst erschufen.

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Das Neue, Experimentelle entstand derweil auch in der Nachmittagssonne vor dem Audimax. Greifbar, sichtbar und lesbar überall dort, wo in der Kaffeepause die Teilnehmenden im Kubus der Freiräume Kontakte knüpften, Wünsche formulierten und miteinander Kunst erschufen.

Wohin gehen wir?

Auch in den Foren Aktionsräume, Zukunftsräume und vor allem in den Grenzräumen wird eines deutlich: Wer die andere Perspektive einnimmt, den Menschen, so andersartig er ist, mitdenkt, kann das interkulturelle Geschehen in der postmigrantisches Gesellschaft besser mitgestalten. Der Weg führt so von einem gefestigten Machtgefüge hin zu fließenden, offenen Netzwerken und einer Diversität auf Augenhöhe. Divers sind allerdings auch, ein Vierteljahrhundert nach der Wende, die Perspektiven auf Migration in Ost- und Westdeutschland. „Wir sprechen leider immer noch in unterschiedlichen Erfahrungsräumen in Ost- und West. Uns fehlt die Erfahrung miteinander“, sagt Mario Zetsche, Kulturamtsleiter in Neuruppin, in seinem Resümee als Kongressbeobachter.
Die Unterschiede, das Widersprüchliche und die Kontroversen sind zugleich das fruchtbare Fazit dieses Kongresses. Denn bereichernd ist vor allem das eigene Stolpern – zwar nicht zwingend über Stufen auf dem nicht barrierefreien Unigelände wohl aber über die Aussagen und Perspektiven Anderer.
Die Tagung brachte eine Vielzahl an Handlungsempfehlungen an die Politik und ein gemeinschaftliches Erleben in Sinne des empathischen Begreifens. In diesem Miteinander reicher sind die Teilnehmenden nach dem Bundesfachkongress Interkultur 2023 allemal.
„Der Kongress hat eine Erfahrung ermöglicht“, sagt auch Anna Zosik, Beraterin für Diversität im Kulturbereich, auf dem Abschlussplenum. Es stehe nun die Aufgabe an, das Potential der postmigrantischen, multidiversen Gesellschaft nach außen zu tragen.

„Eure Kämpfe sind die größten Monumente in der Stadt der Geschichte.“
Marianne Ballé Moudoumbou, Aktivistin und Kongressbeobachterin