© Sibylle Zeh

Sibylle Zeh: Kunst anzetteln

Sibylle Zeh ist Max-Residentin an zwei benachbarten Schulen in Bernau, an einer Grundschule und einer Förderschule. Mit ihrer Arbeit im Atelier will die Malerin die Kinder ins künstlerische Tun verwickeln und zu sich selbst finden lassen

 

Das schulterhohe Gelb stört Sibylle Zeh nicht mehr. Auch nicht die Kleiderständer und Schränke. Durch den Raum hat sie Leinen gespannt, um Bilder aufzuhängen. Aus dem Klassenraum ist ein Freiraum geworden. Das Besondere: Das Atelier der Max-Stipendiatin in der Förderschule im Nibelungenviertel steht auch den Schüler.innen der benachbarten Grundschule an der Hasenheide offen. Hier veranstaltet Sibylle Zeh Kunstprojekte mit verschiedenen Jahrgangsstufen. Und insgesamt acht Kinder aus beiden Schulen treffen sich seit September 2022 einmal wöchentlich am Nachmittag zur Kunst-AG, um gemeinsam Kunst zu erschaffen.

„Sie tauen jetzt erst so langsam auf“, sagt Sibylle Zeh. Nach mehreren Monaten und nach Corona. Die Viert-bis Sechstklässler.innen aus der Grundschule waren zu Beginn des Schuljahres zum ersten Mal in die andere Schule mit sonderpädagogischem Schwerpunkt Lernen gekommen, und der Prozess des Sich-Annähern und Sich-Trauens, dauert an. „Kunst und Kennenlernen brauchen Zeit. Es ist eine große Aufgabe, gemeinsam Ruhe zu finden“, sagt die Malerin. Inzwischen gelingt sie ihr.

Seit 2005 ist Sibylle Zeh in der Kulturellen Bildung tätig, sie hat in der Museumspädagogik gearbeitet, mit Geflüchteten Kunst gemacht. Die Pandemie sei für sie, die auch als Musikerin in Konzerten spielt, sehr einschneidend gewesen, die Isolation habe ihr zugesetzt. Der Musikerin fehlten die Proben, der Malerin die Ausstellungseröffnungen. Als sie von der Max-Residence erfuhr, war sie begeistert von dem Konzept, einen Raum künstlerisch zu bespielen und gleichzeitig in einer festen Struktur wie Schule zu agieren. Es war für sie auch eine Möglichkeit, aus der Vereinsamung und der Starre der Corona-Zeit herauszukommen, Dinge wieder auszuprobieren. Der Kosmos Schule wurde so zum Teil der ersehnten Normalität. Und nicht zuletzt einen gesünderen Status innezuhaben: frei und trotzdem eingebunden. „Als Künstlerin ist es für mich immer auch wichtig, Menschen zu verwickeln“, sagt Sibylle Zeh. Partizipativ zu arbeiten und in Austausch zu gehen. Etwas anzuzetteln, nennt sie das. Dafür ist die Schule ihr Probenraum.

Sibylle Zeh malt zum Teil sehr akribische Bilder, Phasen abstrakten und gegenständlichen Malens wechseln sich ab. Diese Vielfalt kommt ihrer Arbeit in der Schule entgegen. Sie probiert aus, was sie Kindern anbieten und in welchem Rahmen sie dabei Unterstützung bieten kann. Gleichzeitig wird der Klassenraum auch für sie zum Freiraum für künstlerische Auseinandersetzung. Etwa mit ihrer Vergangenheit, dem Kunstunterricht aus ihrer Schulzeit und ihren früheren Arbeiten.

Bereits Anfang der 1990er Jahre beschäftigte sie sich thematisch mit Artenschwund und Umweltzerstörung. Damals gestaltete sie eine Serie zu unterschiedlichen Bäumen und Waldstrukturen. In ihrer Schulzeit habe sie im Kunstunterricht eine große Baumhauszeichnung mit Tusche angefertigt, erzählt sie, ein Projekt, dass sie nun mit einer 5. und einer 3. Klasse durchführte. Die Ausgangslage an der Schule war denkbar divers. Die einen muss man beruhigen, die anderen aus der Reserve locken.  „Zu Beginn gab es Kinder“, sagt Sibylle Zeh, „die sich total verweigert haben, andere konnten sich keine fünf Minuten konzentrieren.“ Am Ende hingegen hätten alle Schüler.innen zwei Doppelstunden lang kontinuierlich gearbeitet.

Darin sieht sie einen großen Fortschritt. Es sind kleine Anzeichen von Entwicklung, wie etwa auch die Frustrationstoleranz beim Zeichnen, die sich erhöht. Anders als in digitalen Welten, so Sibylle Zeh, wo auf Knopfdruck sofort ganze Welten entstünden, bräuchte es für die Kunst viel Arbeit und den Mut weiterzumachen, auch wenn nicht gleich alles perfekt ist. Hier kommt ihr Ansatz des Verwickelns ins Spiel: Wie kann sie die Kinder dazu bringen etwas zu tun, ohne es gleich zu bewerten? Eine Freude am Tun zu entwickeln, ohne an das Ziel zu denken? Der Weg ist gewissermaßen das Ziel. Und dabei ist es, wie für sie selbst so auch in ihrer Arbeit an der Schule, eine Kunst, herauszufinden, wieviel Freiraum und wieviel Struktur es für jeden Einzelnen, jede Einzelne braucht, um ins künstlerische Schaffen zu kommen.

Sie ist begeistert von der Vielfalt der entstandenen Baumhaus-Zeichnungen, von sehr abstrakt, Richtung Architektur, bis hin zu Farbexperimenten. Und den Austausch, den Sibylle Zeh sucht und anstrebt, findet sie auch bei den Kindern untereinander: Die Kinder lassen sich von den aufgehängten Bildern inspirieren, greifen Dinge ihrer Mitschüler.innen auf, kommentieren auf ihre Weise künstlerisch die Arbeiten anderer. Und was hat sie dabei von den Kindern gelernt? „Zum Beispiel den hemmungslosen Umgang von Drittklässler.innen mit Perspektive“, sagt sie.

In der Kunst-AG hat sie die Kinder angeregt, gemeinsam ein Bild zu malen. Ein Prozess, den sie vom Kunstunterricht nicht kennen. Sie arbeiten mit Tempera und Tusche, wenden verschiedene Collagetechniken an. Es gebe sehr kreative Kinder, sagt Sibylle Zeh. Ein Junge mit Farbbegabung komme richtiggehend zur Ruhe beim Malen, ein Mädchen habe ein grafisches Talent und zeichne gerne Buchstaben. Ihr habe sie ein Buch eines Künstlers mitgebracht. „Wenn ich sehe, dass etwas interessiert, versuche ich, das aufzugreifen.“ Sibylle Zeh hat sich das hohe Ziel gesteckt, dass die Kinder ihre eigenen Wege gehen und ihre eigene Kunst entwickeln sollen. Eine Doppelstunde in der Woche setzt dem natürlich einen engen Rahmen.

Als nächstes möchte sie die Schüler.innen der Kunst-AG eine Leinwand bespannen und grundieren lassen. Der große Atelierraum begünstigt dieses großformatige Arbeiten, das im normalen Kunstunterricht schlichtweg nicht möglich ist.

Im Vorfeld ihres Stipendiums hatte sie sich vor allem thematisch Gedanken gemacht, was die Kinder interessieren könnte. Im Laufe ihrer Tätigkeit an der Schule ist dies selbst allerdings in den Hintergrund gerückt. „Das Thema ist eigentlich gar nicht so wichtig, es geht eher darum, ihnen verschiedene Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie ausprobieren können.“  Anders als bei museumspädagogischer Arbeit, wo eine Ausstellung den thematischen Anhaltspunkt und den Bezug für das künstlerische Arbeiten vorgibt, gehe es für sie in diesem Raum des Ateliers in der Schule eher darum, herauszufinden, wie man als Künstler.in die Kinder zu sich selbst und zur Welt bringt.

Für Sibylle Zeh ist es denn auch etwas eher Immaterielles, was sie in den Raum Schule als Künstlerin hineinträgt: Dass Kinder auf Ideen kommen und sie selbst weiterentwickeln. Und dass sie Dinge sehen, die sie vorher nicht wahrgenommen haben.

 

Text: Grit Weirauch

Fotos: Sibylle Zeh

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Über Sibylle Zeh

Sibylle Zeh lebt und arbeitet in Berlin. Die gebürtige Stuttgarterin studierte in Wien an der Akademie der Bildenden Künste und an der Hochschule für Angewandte Kunst. Ihr Werk umfasst Malerei, Zeichnung, Collagen und Installationen, sie gestaltete aber auch Fotoserien und Textilobjekte. Im Jahr 2000 machte sie mit der feministischen Buchprojekt-Serie Woman in Art History auf sich aufmerksam. Dafür übermalte sie in Enzyklopädien der Kunstgeschichte alle Einträge über Männer weiß, um auf das Fehlen bedeutender Kunsthistorikerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung hinzuweisen. Neben ihrer Arbeit als Bildende Künstlerin war sie in der Museumspädagogik und verschiedenen anderen Bereichen der Kulturellen Bildung tätig.

 

„Max – Artists in Residence an Schulen in Brandenburg“ ist ein Projekt der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg auf Initiative der Stiftung Brandenburger Tor.